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OPERA  of  TIME

   

URAUFFÜHRUNG / ERÖFFNUNG

Donnerstag  12-09-2019

 

MUSIKTHEATERTAGE WIEN 2019

WUK

A wild Party – oder der Ball der Zeit

a neuromantic protocoll and requiem of humanity

   

19:30

 

Währinger Str. 59

1090 WIEN

 

Eine interaktive Medien-Oper von den Grenzen des Surrealen bis zu den Grenzen der Zeit - zum Stand der Dinge unserer Gegenwart und der Weltwahrnehmung der gegenwärtigen Menschheit, im Kontext der Digitalisierung aller Lebensbereiche und der Zeit - dem sich relativierenden Maß der Dinge.

 

   

Weitere Aufführungen:

 

Freitag     13-09-2019                                        21:00

Samstag  14-09-2019                                        21:00

 

Tickets unten: http://www.mttw.at/tickets.html

und ab sofort in der Ticket Gretchen App: https://ticketgretchen.com/events/wien/wien/wuk/opera-of-time-3200/

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A Clifford torus in the 4th dimension
   

Dieses Stück Zeit wird von den Anwesenden in

>Real Time<  geschrieben.

 

Die Medien-Oper spielt in einer Installation aus projiziertem Licht und synchronisierten Soundclustern, die Zeitabläufe in sich ständig leicht verändernden Schleifen reproduziert und das anwesende Publikum in live-Ton und Bildaufzeichnungen in die Abläufe integriert.

 

In der interaktiven Medieninstallation inszeniert Thomas J. Jelinek ein surreales Fest der Zeit, als Party melancholischer Ausgelassenheit. Eine kurze Geschichte der Zeit, mit den gesellschaftlichen, sozialen und individuellen Folgen seiner Taktung in Nanosekunden, entrollt sich, in Zeitsprüngen und sich ständig wiederholenden Loops.

 

Die Musik-Komposition von Jorge Sánchez-Chiong folgt der Physik und entwickelt immer neue Stimmen aus den Interferenzmustern, der aus den Loops entstehenden Zeitüberlagerungen.

Die resultierenden Sound-cluster strukturieren sich, mit der Performance der einzelnen, scheinbar unabhäng voneinander, in kommunikativem Aktionismus, agierenden Protagonist*innen zur Oper.

 

 

 

http://www.musiktheatertagewien.com/programm/opera-of-time

 

 

 

 

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https://www.wuk.at/programm/opera-of-time/

 

           
           

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KÜNSTLERISCHE LEITUNG / REGIE / KONZEPT / INSTALLATION                    Thomas J. Jelinek

MUSIKALISCHE LEITUNG / MUSIK KONZEPT                                             Jorge Sánchez-Chiong

 

 

 

CAST

 

Vocalist*innen / Performance:

Sopran                                                                                                                          Kaoko Amano

Sopran                                                                                                                      Bibiana Nwobilo

Popvoice, Interaktion u. Performance                                                                             David Kleinl

Text, Interaktion u. Performance                                                                          Anna Mendelssohn

Text, Interaktion u. Performance                                                                                  Max Hoffmann

Performance /  Interaktion                                                                              Aiko Kazuko Kurosaki

Performance /  Interaktion                                                                                          Brigitte Wilfing

 

Musiker*innen / Performance:

Klavier, Keyboards, Performance                                                                              Alfredo Ovalles

Multi-Perkussionist Performance                                                                  David Christoper Panzl

Live Elektronik und Turntables                                                                                                     JSX

Soundtrack  Aufnahmen                                              Orchestra Sinfónica Municipal de Caracas

Aufnahme- und musiklische Leitung                                                                 Alan González Peréz                             

Interaktive Installation                                                                                           Thomas J. Jelinek

Video-set und Digitalraum                                                                                               Peter Koger

Live-editing  / Live Video                                                                                  Michael Loizenbauer

Grafik und Visual-programming                                                                                 Kaira Kurosaki

Livekamera                                                                                                              Josef P. Wagner

Livekamera                                                                                                         Wolfgang Seehofer

Grafik / Konsulenz                                                                                   Thomas Wagensommerer

 

Soundkonzept / Tonmeister / Tontechnik                                                                   Florian Bogner

technische Koordination                                                                                              Roman Harrer

Regieassistenz                                                                                                             Linda Spetcu

 

 

 

Songtexte - David Kleinl, Brigitte Wilfing, Jorge Sánchez-Chiong

Texte - Karl Bruckschwaiger / Max Hoffmann / Thomas J. Jelinek / Marian Kaiser

 

Performance, support and special thanks to:

COMBINEGE (Moritz Gottschlak, Amelie Goetz) / Francesc Arambul Hueso / Faraz Saie /Dorotea Incognito / Zak Ray / Rainer Kütaru / Diana Nina Madlmayer / Ioana Grecu / Max Kaufmann / Christoph Hubatschke

                                                                             

 

Projektleitung / Management                                                                                      Fina Esslinger

 

Co-Produktion                                                                                                 Georg Steker (MTTW)

 

 

 

Produktion:  NOMAD

 

Koproduktion: MTTW - Musiktehatertage Wien 2019  und  WUK - performing art

 

 

cooperated support by: MediaOpera, Dynamic Projection Institute, TU-Wien, ODEON, MTTW



 

supported by:

 

MA7 KULTUR Stadt Wien, Bundeskanzleramt, Ernst v. Siemens Stiftung, Bösendorfer, MediaOpera,

 

 


 

 

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>Time is nature's way to keep everything from happening all at once < 

Graffito, Herrentoilette Austin Texas 1976

 

 

>Bei einem Fluß ist das Wasser, das man berührt, das letzte von dem, was vorübergeströmt ist, und das erste von dem, was kommt. So ist es auch mit der Gegenwart. <

Leonardo da Vinci (1452 - 1519)

 

 

 

 

 

ORDNUNGEN DER ZEIT
SIND
ORDNUGNEN DES RAUMS
SIND
ORDNUNGEN DER LEUTE
Ich denke auch an die außerordentlichen Jesuitenkolonien, die in Südamerika gegründet worden sind: vortreffliche, absolut geregelte Kolonien, in denen die menschliche Vollkommenheit tatsächlich erreicht war. Die Jesuiten haben in Paraguay Kolonien errichtet, in denen die Existenz in jedem ihrer Punkte geregelt war. Das Dorf war in einer strengen Ordnung um einen rechteckigen Platz an- gelegt, an dessen Ende die Kirche stand; an einer Seite das Kolleg, an der anderen der Friedhof, und gegenüber der Kirche öffnete sich eine Straße, die eine andere im rechten Winkel kreuzte. Die Familien hatten jeweils ihre kleine Hütte an diesen beiden Achsen, und so fand sich das Zeichen Christi genau reproduziert. Die Christenheit markierte so mit ihrem Grundzeichen den Raum und die Geographie der amerikanischen Welt. Das tägliche Leben der Individuen wurde nicht mit der Pfeife, sondern mit der Glocke geregelt. Das Erwachen war für alle auf dieselbe Stunde festgesetzt; die Arbeit begann für alle zur selben Stunde; die Mahlzeiten waren um 12 und 5 Uhr; dann legte man sich nieder, und zur Mitternacht gab es das, was man das Ehewachen nannte, d. h. wenn die Glocke des Klosters ertönte, erfüllte jeder seine Pflicht.

 

 

 

DIE ARBEITER VERLASSEN DIE FABRIK Zur Zeit der Industrialisierung wurden die Glocken von den Klöstern in die Fabriken getragen. Maschinenrhythmen verlangen nach einer höheren Auflösung der Arbeitsstunden. Aus der Fabrikordnung der Augsburger Kammgarn-Spinnerei von 1846: „Die Arbeitsstunden sind im Sommer von 5 Uhr Morgens bis Abends 7 Uhr, im Winter von 6 Uhr bis Abends 8 Uhr. Eine Glocke wird Morgens, eine halbe Stunde vor dem Anfange der Arbeit, die Öffnung der Fabrik ankündigen, das zweite eine halbe Stunde später erfolgende Läuten der Glocke verkündet das Beginnen der Geschäfte. Eine viertel Stunde später wird der Pförtner des Thor verschließen. Von diesem Augenblick an sollen alle Arbeiter sich an ihrer Arbeit befinden. Diejenigen, welche später kommen, werden nicht mehr eingelassen, und die Geldstrafe der Abwesenheit wird ihnen auferlegt.

 

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DER RAUM IST DIE BÜHNE DER ZEIT

 

Die minimalistische Medieninstallation ist ein Lichtraum

und akustischer 3D-Raum, in dem sich Publikum,

Akteur*innen und Musiker*innen frei bewegen können.

 

Die theatrale Installation wird ausschliesslich mit Licht

und Schallwellen geformt. Struktur und Information wird

mit Projektionen und Lichtsettings hergestellt.

Text, Videosequenzen und Bilder werden projiziert, und der Raum durch Licht und akustische Sound-cluster,

in Zeitabfolgen strukturiert.

Die Projektionen erzeugen sequenzielle Raumsimulationen

die sich aus generierten Bildern, Texten sequenziellem Filmmaterial, found-footage und Live-Bildern,

der Livekameras im Raum zusammen.

 

Im Raum befinden sich mit den Menschen nur Licht- und Schall-wellen (abgesehen von den Geräten diese herzustellen) und 

Z e i t .

 

 

 

 

 

 

 

Das Minkowski-Diagramm ist ein Raum-Zeit-Diagramm mit nur einer Raum-Dimension. Dabei wird eine Überlagerung der Koordinatensysteme für zwei gegeneinander mit konstanter Geschwindigkeit bewegte Beobachter dargestellt, sodass zu den Orts- und Zeitkoordinaten x und t, die der eine Beobachter zur Beschreibung des Geschehens verwendet, unmittelbar die des anderen x’ und t’ abgelesen werden können und umgekehrt. Aus dieser grafisch eineindeutigen Zuordnung von x und t zu x’ und t’ wird unmittelbar die Widerspruchsfreiheit zahlreicher scheinbar paradoxer Aussagen der Relativitätstheorie ersichtlich.

Im Prinzip lässt sich dem Minkowski-Diagramm eine weitere Raumdimension hinzufügen, sodass eine dreidimensionale Darstellung entsteht. In diesem Fall werden die Bereiche von Vergangenheit und Zukunft zu Kegeln, deren Spitzen sich im Ursprung berühren. Sie werden als Lichtkegel bezeichnet.

 

 

 

 

 

 

Durch den Raum schweifende Lichtkegel legen immer neue Inhalte, Bilder und altes Dokumentarmatierial am Boden und den Wänden frei. Fokusieren Protagonist*innen und Teile von Geschehnissen im Raum, die vom Publikum zu immer neuen Handlungsstängen, Kausalketten einer sich wiederholenden Sequenz eins Ablaufs einer Party, zusammengesetzt werden können.

 

 

 

 

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WHAT TIME IS NOW? Nach dem Ausbau der Straßen und Eilpostrouten in den 1820er-Jahren beklagte die Württembergische Post den „fortwährend ungleichen Gang der Kirchen-Uhren in der Haupt- und Residenzstadt Stuttgart“. Das Innenministerium des Königreichs Württemberg verfügte deshalb am 3. Dezember 1828 in einem Erlass an die Kreisregierungen die Vereinheitlichung der Zeit innerhalb der größeren Städte, die durch Postkutschen verbunden waren: Alle öffentlichen Uhren innerhalb dieser Städte sollten „stets gehörig nach dem Sextanten gestellt und gerichtet werden“. Mit dem Sextanten wurde die Höhe der Sonne über dem Horizont gemessen, um an ihr die genaue Ortszeit zu ermitteln. Problematisch wurde diese Praxis durch die Einführung der Eisenbahnen - vor allem für die Erstellung einheitlicher Fahrpläne. Wenn die Uhren im österreichischen Bregenz den Mittag anzeigten, war es in Romanshorn am Schweizer Ufer 11.32 Uhr. Zum gleichen Zeitpunkt war es im bayerischen Lindau 11.49, im württembergischen Friedrichshafen 11.39 und im badischen Konstanz 11.36.

 

1890 einigte sich der Verein deutscher Eisenbahnen auf Zonenzeit. Am 1. April 1893 trat um Mitternacht die Mitteleuropäische Zeit auch ins bürgerliche Leben. In Sachen Zeit war nun alles vorbereitet für die 8 Uhr Tagesschau. Telegraphennetze schickten Zeitsignale von Referenzuhren durch Land und Länder und wurden damit grundlegend für die Synchronisierung der Zeit. Die Referenzuhr schlechthin steht im 1875 gegründeten Internationale Büro für Maß und Gewicht bei Paris. Zumindest wird hier die internationale Atomzeit berechnet – ebenso wie das Urkilogramm und der Urmeter.

 

60 Hudson Street, N.Y. Data Center. 9. Stock. 15.000 square feet of server space, powered by a 10,000 Amp DC power plant, fueled by 300,000 liters of oil from tanks in and on the building. Das ist 2012. Inzwischen stehen 19 weitere Datencenter im Gebäude. Und die Matching Engines der New Yorker Börse, in denen die Transaktionenen zwischen Buyer und Seller tatsächlich stattfinden. Knapp eine Meile entfernt von der Wall Street bieten die Glasfaserleitungen Millisekundenvorteile ORDNUNGEN DER ZEIT SIND ORDNUNGEN DES RAUMS im internationalen High Frequency Trading. Die Farben der Backsteine der Außenhülle des Gebäudes verändern sich von unten nach oben von dunkel zu hell in 19 diskreten Abstufungen. Deutscher Expressionismus trifft Art Deco. Seit 1928. Aber da heißt der Bau, der einen gesamten Block zwischen Hudson Street Thomas Street, Worth Street and West Broadway einnimmt noch ‚Western Union Building’. 1941 filmt LAST TRAIN TO TRANSCENDENTRAL. Fritz Lang den Western ‚Western Union’. In Deutschland: ‚Überfall der Ogalalla’. Die Morsecodes der Telegraphenlinien, die im Film stets westwärts gezogen werden (und die Postkutschengesellschaft ‚Western Union’ zur Telegraphengesellschaft ‚Western Union’ umschreiben) ziehen anscheinend in die deutschen Indianerphantasien ein, die hier dem Fortschritt zungeschnalzend im Wege stehen (Kriegsgeschrei, der deutschen Tonspur: „Ogalalalalalala“). Der singende Draht, um den es hier geht, (vgl. Lucky Luke, Bd 18) läuft jedenfalls seit 1930 in der 60 Hudson Street zusammen. Als ‚Western Union’ 1973 nach New Jersey umzieht, liegen 70 Millionen Fuß Kabel im Gebäude und die Firma hat begonnen, international Geld zu kabeln. IN GOD WE TRUST. ALL OTHERS MUST PAY CASH.

 

Marian Kaiser

 

 

Einstein sagt ja schon, was die Zeit ist: Eine Messung. Nicht die Zeit wird gemessen, sondern in der Messung erst konstituiert sich die Zeit.

 

 

 

 

 

 

Das Anthropozän - Karl Bruckschwaiger

 

Bruno Latour – das terrestrische Manifest

 

In diesem Buch sollen die Klimafrage und deren Leugnung als zentrale politische Position etabliert werden. Ohne zu verstehen, das wir in ein neues Klimaregime eingetreten sind, kann weder die Explosion der Ungleichheiten, die Deregulierungen, noch die Kritik an der Globalisierung oder Rückkehr zu den Schutzmaßnahmen des Nationalstaates verstanden werden.

Die großen Migrationen führen zu einem Ende der Globalisierung, weil die jeweiligen Modernisierungspläne nur mehr für mehrere Planeten verwirklicht werden könnten. Der Boden der Globalisierung beginnt sich zu entziehen, die Vorstellung des Bodens selbst verändert sich grundlegend. Den Migranten wurde der Boden bereits durch Kriege und Klimaveränderungen entzogen, aber auch die alteingesessenen Bewohner verlieren den Kontakt zu Ihrem Boden.

Es ist eine postkoloniale Pointe, das diejenigen von Angst und Panik befallen werden, und ihr Territorium und Lebensweise verteidigen müssen, angesichts der Ankunft derer, die die Beraubung von Grund und Boden ohnmächtig vor einigen Generationen erleben mussten.

Ein allgemeines Empfinden liegt der Panik zugrunde, das es einen allgemeinen Mangel an teilbaren Platz und bewohnbarer Erde gibt oder geben wird.

Wenn es keinen gemeinsamen Raum in der Welt gibt, muss der eigene Boden durch Mauern und undurchlässige Grenzzäune geschützt werden.

Latour unterscheidet zwischen Plus-Globalisierung und Minus-Globalisierung. Die Vertreter der Minus-Globalisierung sind auch Vertreter des Lokalen, für die die Zugehörigkeit zu einem Land, Boden, einer Gemeinschaft, einer Lebensweise und ein bestimmtes Können wichtig ist. Dieses Plus-Lokale möchte die Verbindung zwischen dem Herstellen und dem Konsumieren ohne Umweg über den Weltmarkt aufrecht erhalten.

Die Erde schlägt zurück, oder wie Latour es formuliert, die Erde wird als Akteur zunehmend sichtbar, indem, was man die Folgen des Klimawandels nennen könnte.

Political Fiction Hypothese

Seit Anfang der Achtziger Jahre haben die Eliten diese Warnung verstanden und begonnen, die anderen dafür zahlen zu lassen, indem sie die Last der Solidarität in einer Welle der Deregulierung und des Sozialabbaus abwarfen und seit den Nuller Jahren mit einer Klimaleugnung fortfuhren.

Das ging mit einer Entwertung vieler wissenschaftlicher Erkenntnisse und einer ständigen Leugnung der offensichtlichsten Wahrheiten über das Klima einher. Wenn die Modernisierung vorbei ist, bleiben für die einfachen Leute nur der Nebel der alternativen Fakten. Wenn die Fakten nicht an eine gemeinsame Welt oder Öffentlichkeit gebunden sind, können die Medien den Glauben an die alternativen Fakten beklagen, hilft es den Leuten nicht, die faktisch in den alternativen Welten (Prekariat, Flüchtlingslager usw.) leben.

Die Vektoren Latours

Auf dem Weg der Modernisierung gab es im politischen Feld den allgemeinen Vektor der vom Lokalen zum Globalen verlief. Was auf diesem Weg aufgegeben werden musste, war das Lokale, die Heimatregion, die althergebrachten Traditionen und die Gewohnheiten, um endlich in der Moderne anzukommen. Im Bereich der Ökonomie war die politische Rechte für die Freiheit der globalen Märkte, die politische Linke eine Art Aufhalter der allzu freien Märkte. Im Bereich der Sitten und Traditionen gab es eine gerade umgekehrte Zuordnung von Rechts und Links. Mit dem Auftauchen der Minus-Globalisierung, also die negativen Folgen der globalen Märkte und Verschiebungen von Produktion und Menschen im globalen Maßstab, wurde das Lokale wieder attraktiv. Es mutierte aber zu einem Minus-Lokalen, wo der Schutz, die Identität und Sicherheit innerhalb nationaler Grenzen zum Wichtigsten wurde.

Jetzt ist ein dritter Attraktor aufgetaucht, der der Richtung des ersten Vektors diametral entgegengesetzt ist, das Terrestrische.

Um diesen Attraktor sichtbarer zu machen, ihm die Bedeutung zu geben, die er von der politischen Aufmerksamkeit verdient hätte, tauchte auf der Gegenseite die Negierung des Klimawandels auf, als Außererdiger Attraktor. Die Regierung Trump ist erste, auf die Ökologie fokussierte, Regierung, wenn auch im Modus der Zurückweisung.

Das Terrestrische ist ein neuer politischer Akteur, der nicht mehr Hintergrund und Dekor des menschlichen Handelns ist, sondern ein Wirkfaktor, der unmittelbar auf das menschliche Handeln reagiert und etwas von uns verlangt, uns beherrscht.

Wir können das Territorium nicht mehr einfach besetzen, sondern der Raum wird zum Teil unserer Geschichte, aus der menschlichen Geschichte wird durch Wirkung des Terrestrischen die wirkliche Geogeschichte.

Trotzdem ist der dritte Attraktor schwer zu erkennen, denn er ist allen sowohl bekannt und zugleich vollkommen fremd. Denn mit der Erde lebten bisher nur einige Altvordere und Traditionalisten wirklich zusammen, die Modernen betrachteten die Erde nur als Kulisse des menschlichen Handelns.

Das Holozän wies noch alle Merkmale eines Rahmens für die Menschen auf, das Anthropozän nicht mehr, obwohl nach dem Menschen benannt ist. Hier betritt die Erde wieder die Bühne und macht den Schauspielern die Hauptrolle streitig. Die Menschen sind aber mit einer Rolle betraut, die zu groß ist für sie. Manche wollen die Erde retten, aber will die Erde die Menschen retten?

Der ökologischen Bewegung ist es in letzten Jahrzehnten gelungen, viele Themen und Objekte zum politischen Streitthema zu machen, die vorher nicht zu den Gegenständen der Politik gehörten. Kein Entwicklungsprojekt bleibt ohne Protest und kein Vorschlag ohne Einspruch. Latour sieht die grünen Parteien noch zu sehr aufgerieben im Recht-links-Schema, und damit vorläufig als gescheitert an.

Welche Allianzen würden sich ergeben, wenn das Lokale und das Globale sich zum Terrestrischen hin neu orientieren müssen. Ein Zufluss an politischer Energie aus dem Bereich des Lokalen wäre denkbar, weil die Zugehörigkeit zu einem Boden, die Sorge um ein Stück Erde und die Bindungen an dieses würden dem Terrestrischen durchaus entsprechen.

Es gibt aber auch Differenzen, denn das Terrestrische hängt zwar an der Erde, ist aber auch welthaft in dem Sinne, dass es sich mit keiner Grenze deckt und über alle Identitäten hinausweist.

Das Terrestrische braucht Akteure und Wissenschaftler.

Die Akteure haben keine Distanz zur Erde als Umwelt. „Wir verteidigen nicht die Natur, wir sind die Natur, die sich verteidigt.“

Die Wissenschaftler haben uns all das Wissen um das neue Klimaregime verschafft, aber auch sie brauchen eine neue Ausrichtung, eine neue libido sciendi. Denn sie sind vom Blick auf die Erde vom Universum aus fasziniert, sie betrachten die Erde als galileisches Objekt. Diese moderne Pflicht, die Erde aus den fernsten Fernen zu erreichen, steht im Widerspruch zu der alltäglichen Praxis der Wissenschaft in ihren Laboratorien, mit ihren Instrumenten, in ihren Feldforschungen, wo sie fest auf irdischen Boden stehen.

Die Erde als System zu betrachten, wo die Lebewesen an den chemischen und geologischen Prozessen teilnehmen, war die Absicht von James Lovelock und seinem Gaia-konzept. Hier wird die Erde nicht mehr nur als Produktionsfaktor betrachtet, wo das Lebensrecht und die Ansprüche der meisten Lebewesen wegfallen.

Eine Art von Ausweg sieht Latour darin, in einer neuen Bestandsaufnahme der Natur einzutreten und er versteht darin das neue Interesse an der Lektüre von Humboldt, der sich den Rätseln der Zahl und Natur der wirkenden Wesen stellte.

 

Jürgen Renn / Bernd Scherer – Das Anthropozän

 

Deborah Danowski / Eduardo Viveiros de Castro – In welcher Welt leben?

 

Der Untertitel des Buches lautet: Ein Versuch über die Angst vor dem Ende,

der portugiesische Titel lautet: Ensaio sobre os medos e os fins,

was ich übersetzen würde mit: Versuch über Ängste und Enden

tatsächlich resümiert das Buch verschiedene Vorstellungen über das Ende der Welt, die angesichts der planetaren Klimakrise eine ganz andere, beklemmende Plausibilität bekommen haben.

Es geht also um die Angst, das der Mensch seiner eigenen Zukunft ein Ende bereitet. Die Ankunft dieser Zukunft, der Paul Crutzen und Eugene Stoermer den Namen Anthropozän gegeben haben, leitet eine neue geologische Epoche ein, die das Holozän seit der Industriellen Revolution ablöst und seit dem Zeiten Weltkrieg immer intensiver Gestalt annimmt.

Diese neue Epoche ist zugleich das Ende der Epochalität, was unsere Spezies betrifft, denn das Anthropozän kann nur nach unseren Verschwinden einer anderen Epoche Platz machen. So bleibt das Anthropozän unsere Gegenwart mit einer Zukunft, die die ständige geophysikalische Drohung unseres Verschwindens beinhaltet.

Für die aktuelle Krise wurden von Wissenschaftlern des Stockholm Resilience Center 2009 in neun geophysische Prozesse des Erdsystems identifiziert, bei deren Überschreitung von Grenzen sich unerträgliche Umweltveränderungen einstellen werden.

Es sind dies: Klimawandel, Übersäuerung der Ozeane, Ozonverminderung in der Stratosphäre, Konsum der Süßwasservorräte, Verlust der Biodiversität, die Einmischung der Menschen in die globalen Zyklen von Stickstoff und Phosphor, Veränderung in der Bodennutzung, chemische Belastung, von den Aerosolen verursachte atmosphärische Verunreinigung.

Sobald in einer dieser Prozesse eine bestimmte Grenze überschritten ist, haben alle dasselbe Risiko. Die Elastizität (Resilience) ist nicht unbegrenzt, die Natur ist nicht unverwüstlich oder unendlich robust (resilient).

Viveros de Castro und Danowsky referieren am Anfang bekannte Autoren wie Latour und Dipesh Chakrabarty und deren Vorstellungen vom Wiedereindringen Gaias in die menschliche Welt, in dem Moment wo der Mensch vom biologischen Agenten zum geologischen Faktor aufgestiegen war. Damit wird das System Erde nach der vermeintlichen Überwindung der unmittelbaren Abhängigkeit des Menschen von ihm wieder zum historischen Subjekt und Handlungsträger in einem viel umfassenderen Stil, als je vermutet. Denn unsere politische Ohnmacht, mit dieser Einmischung Gaias umzugehen, ist größer als das urzeitliche Erschrecken vor meteorologischen Phänomenen, und das trotz wissenschaftlicher Einsicht in viele Prozesse der Erde. Zwar haben wir uns nach Darwin schon an objektive Endlichkeit unserer Spezies gewöhnt, dennoch nicht gelernt das Ende als ein Nahes zu denken.

 

Welt ohne uns

Wir können von einer Welt ohne uns, das heißt einer Welt ohne die Spezies Mensch, ausgehen, oder von einem „Wir ohne Welt“, einer weltlosen Menschheit nach dem Untergang der Welt. Alle möglichen Varianten werden in der Literatur und im Film des öfteren durchgespielt.

Die Autoren kennen auch die Version einer Welt vor uns, einer Spiegelung des Ende in einen Anfang, einen Garten Eden oder einer Wildnis, die dem denaturierenden Zugriff der Menschheit entzogen ist.

Den zunehmenden Verlust von Welt in einem sich abschließenden Subjekt thematisieren die sogenannten spekulativen Realisten wie Quentin Meillassoux und Ray Brassier, die die wechselseitige Bedingtheit von Denken und Sein behaupten. Das ist die Idee, der zufolge wir nur einen Zugang zur Korrelation von Denken und Sein haben, und in keinem Fall zu einem der beiden Termini in isolierter Form, so Meillassoux. Dazu bedienen sie sich des Gedankenexperiment der Welt ohne uns, um den Vorrang der Welt vor dem Denken dieser Welt durch uns zu demonstrieren. Aber das Denken und das Sein sind so ineinander verschränkt, das die Materie jenseits der Korrelation träge und tot sein müsse. Damit wird der Anthropozentrismus durch die Hintertür wieder eingeführt.

Zu den Filmen und Buchbeispielen kann ich nur sagen, das ich keinen davon gesehen oder gelesen habe, weder Melancholia von Lars van Trier, noch Abel Ferraras 4:44 Last Day on Earth oder Bela Tarrs Turiner Pferd.

Einer Spielart nach dem Schema „Menschen ohne Welt“ wird mit den Singularisten und Akzelerationisten nachgegangen, für die das Anthropozän in ein neues posthumanes Zeitalter führt, das nur durch einen extremen technologischen Sprung erreicht werden kann. Dabei wird die Verbindung des Menschen mit einer ersten Natur komplett gekappt, und nur mehr von transgenetischen Gemüsekulturen, Hydrofracking, große hydroelektrische Projekten, Geoengineering und ähnliches gesprochen.

In ihrer Begeisterung für die Selbstabschaffung des Menschen nehmen sie an, das im Anthropozän selbst den Menschen obsolet gemacht oder transformiert oder komplett ersetzt werden wird.

Vom posthumanen zum posthumen Zeitalter der Maschinen.

Das die Umweltschützer und Ökologen für die Akzelerationisten nur die Entfesselung der Produktivkräfte aufhalten, zeigt wie verkommen dieser Zweig einer angeblich marxistischen Geschichtsphilosophie ist. Einer wie Alain Badiou träumt diesen Traum einer von De-Humanoiden denaturalisierten Natur mit, und beschuldigt Peter Sloterdijk die Ökologie als Opium für das Volk darzubieten.

 

Eine Welt aus Menschen

 

Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich Viveiros mit den Vorstellungen der indigenen Völker Amerikas, die die Beziehung zwischen Menschheit, Welt und Geschichte anders und man möchte fast sagen ungleich ernster formulieren.

Es beginnt mit einem bestimmten Schöpfungsmythos, der bei den indigenen Völker weit verbreitet ist, der einen Anfang formuliert, wo das menschliche Sein vorrangig ist und sich in die Welt verwandelt, mit spannenden Konsequenzen für den weiteren Umgang mit der Welt.

Der Anfang der Zeiten wird von den Aikewara, einem Tupi-Stamm, in dem Satz formuliert: Es gab nichts auf der Welt, nur Menschen und Schildkröten.

Nach einer Reihe von Wechselfällen verwandeln sich Teile dieser ursprünglichen, erstgeborenen Menschheit auf spontane Weise oder infolge einer Aktion des Demiurgen in biologische Arten, in geographische Elemente, meteorologische Phänomene und Himmelskörper, die den aktuellen Kosmos ausmachen. Der Teil, der sich nicht verwandelt hat und im Wesentlichen gleich geblieben ist, ist die historische oder gegenwärtige Menschheit.

Das Intervall zwischen der Zeit des Ursprungs und dem Ende der Zeiten, das ethnographische Präsens oder die Gegenwart, ist eine Epoche in der die präkosmologischen Wesen ihr unaufhörliches Anders-werden, ihre anatomische Plastizität zugunsten von stabileren Zuständen einstellen. Am Ende der Zeit der Transformationen nehmen die anthropomorphen Instabilitäten der Anfänge die körperlichen Formen und Gewohnheiten der Tiere, Pflanzen, Flüsse und Berge an, zu denen sie inzwischen geworden waren.

Das anthropomorphe Multiversum gebiert die Welt, wobei die Menschen die Substanz sind und die Natur die Geschöpfe. In dieser Mythologie gibt eine kannibalistische Komponente, denn die Nahrung der Menschen besteht aus menschlichen Seienden, die in Tiere und Pflanzen verwandelt worden sind. Man begegnet den Tieren und anderen Lebensformen als Typen von Personen oder Völkern, als politische Entitäten.

Die indigene Praxis legt Nachdruck auf die regulierte Produktion der Verwandlungen, der Schamane ist hier ein kosmischer Diplomat, der die Gegenwart reproduziert und chaotische Vervielfältigungen verhindert. Die Gefahr besteht darin, das die ehemaligen Menschen eine menschliche Virtualität hinter der aktuellen tierischen, pflanzlichen oder kosmischen Erscheinung bewahren. Die Menschheit in ihnen als das Unbewusste des Tieres droht ständig durch die Löcher einzudringen, die sich im Gewebe der heutigen Welt öffnen (Träume, Krankheiten, Jagdunfälle) und führt dazu, dass die Menschen vom präkosmologischen Substrat aufgesogen werden.

Die theomorphe Maske des Tanz-Geistes ist ein Hinweis auf diese ursprüngliche Virtualität und die chaotische Kommunikation im anthropomorphen Multiversum.

Dieser Betrachtungsweise, das die Tiere zwar keine Menschen für uns, aber Menschen für sich sind, gibt Viveiros den Namen „amerindischen Perspektivismus“ oder Anthropomorphismus, den er einem europäischen Anthropozentrismus gegenüberstellt.

Der Anthropozentrismus behandelt den Menschen als tierische Spezies mit einem transfigurativen Zusatz.

Das Ende der Welt bei den Indios bedeutet nicht unbedingt das Ende der Menschen, obwohl die Zerstörung der Welt auch die Zerstörung der Menschheit einschließt, wird die neue Welt wieder aus den neu entstandenen Menschen erschaffen werden.

Die Menschheit ist konsubstantiell zur Welt.

Zwar sind in den Mythologien der amerikanischen Indios periodische Apokalypsen die Regel, aber die zunehmende und gewaltsame Zerstörung ihrer Lebensräume erzeugt einen Ton von entschieden pessimistischer Dringlichkeit.

Dazu sagt der Yanomami David Kopenawa:

Bald, nach dem Tod der letzten Yanomami-Schamanen, werden die bösen Geister sich des Kosmos bemächtigen, der Himmel wird herabstürzen und wir werden alle vernichtet.“

Kopenawa lässt die Möglichkeit zu, das auf lange Sicht eine andere Menschheit auftauchen wird, aber die aktuellen „weißen Esser der Erde“ werden mit den Indigenen verschwinden.

Viveiros diskutiert noch eine Weile die Unterscheidung von Erdverbundenen und Modernen bei Bruno Latour, und wie die Erdverbundenen als Enteignete und Besiegte gelernt haben zu überleben. Damit können die Erdverbundenen für den überlebenden Teil der Menschheit, die alle Enteignete und Besiegte sein werden, zum Modell werden.

Die Erdverbundenen sind wenige, aber ihre geringe Zahl wird dadurch ausgeglichen, das sie viel Welt haben, mit der sie in Verbindung stehen.

 

Ellis, Erle - Anthropocene: A Very Short Introduction

 

Als ein Professor für Geographie und „environmental systems“ in Maryland, Baltimore County konzentriert sich Erle bei seiner Definition von Anthropozän mehr auf die feststellbaren Veränderungen der Umwelt durch den Menschen, die die Geologie und Archäologie in ihren stratographischen Analysen feststellen können. Durch die Betrachtung der Erde als ein System werden natürlich auch Faktoren des Klimas, des Land- und Wasserverbrauchs, des Wechselkreisläufe von Stickstoff oder CO² stärker thematisiert.

           
         

 

Literaturliste

 

  1. Bruno Latour – Das terrestrische Manifest

  2. Jürgen Renn / Bernd Scherer – Das Anthropozän

  3. Deborah Danowski / Eduardo Viveiros de Castro – In welcher Welt leben?

  4. Bonneuil, Christophe - The Shock of the Anthropocene: The Earth, History and Us

  5. Ellis, Erle - Anthropocene: A Very Short Introduction