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TEST.TUBE Lab 01

   

OPENING / ERÖFFNUNG

Friday / Freitag  25-09-2020

18:30

 

 

ODEON-Spitzer

 

Taborstraße 10

1020 Wien

ANTHROPOZÄN

   

on-line:    19:30

 

on-line & live-STREAM

via:    http://echoraeume.klingt.org

 

Das letzte Zeitalter / The last Age ?

 

   

2nd day / 2. Tag

Saturday / Samstag  26-09-2020

18:30

 

 

 

 

Labor-detailinfo / subscribtion via:

lab01[at]fieldtestcorp.com

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LICHTDIEBIN (c) Veronika Birkner
   

Am 25. Sept. öffnet das serielle Labor mit dem Titel ANTHROPOZÄN.

 

Das TEST.TUBE.Labor ist ein transdisziplinäres Labor, künstlerischer Entwicklungsraum, Forum, und offene Diskurs-/Bühne, die seriell, als Projektzyklus realisiert wird und zum öffentlichen Diskurs stellt.

 

 

 

ANTHROPOZÄN -

REALSIMULATION EINES SYMPOSIUMS

 

Ein erster Testlauf eines Rough-Rides

durch die Veränderungsprozesse das menschlichen Weltbilds und veränderlicher Realitäten.

 

Das Antropozän ist das Erdzeitalter, das dem Holozän, das vor etwa 12.000 Jahren am Ende der Eiszeit- mit der Erwärmung und Stabilisierung des Klimas auf den uns noch bekannten Zustand- festgesetzt wurde, folgt.

 

>>Das Antropozän ist ein Bruch mit den ungewöhnlich stabilen ökologischen Verhältnissen des Holozäns, das die Umweltbedingungen geboten hat, in denen alles was wir menschliche Zivilisation nennen entstanden ist.

War das Holozän die Wiege der Zivilisation, so fragt sich, was der Bruch mit diesen Bedingungen für den Menschen – seine soziale Organisation, seine Technologien, seinem Verhältnis zu sich selbst und zur Welt – bedeuten wird.<<

Eva Horn / Hannes Bergthaller
 

 

 

 

 

 
 

 

 

 

 

           
           

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Künstlerische Leitung / Regie / Moderation                    Thomas J. Jelinek

live-medien / on-line Regie                                             Philip Leitner

 

Installation  L I C H T D I E B I N           -        Veronika Birkner

 

 

Mit:

Karl Bruckschwaiger  -  Kerstin Bennier  -  Veronika Birkner  -  Christoph Hubatschke  -  Killian Jörg  -  Peter Koger  -  Aiko Kazuko Kurosaki  -  Philip Leitner  -  Michael Loizenbauer  -  Lisa Moravec  -  Tina Muliar  - Sophia Publig -  Saleha Rozati  -  Gerald Nestler  -   Saleh Rozati  -  Vinzenz Schwab  -  Linda Spetcu  -  Stefan Vogelsinger -  Zak Ray u. A.

 

Expert*innen / Gäaste: Dr. Karl Bruckschwaiger / Univ. Prof. Dr. Eva Horn / Dr.in Elisabeth Klatzer /

Gerald Nestler PhD

 

 

Produktion:  NOMAD

 

Koproduktion: ODEON-Spitzer  und  WUK - performing art

 

 

in Kooperation mit:  die[a]ngewandte • Cité internationale des Arts Paris

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Die Gegenwart zeigt deutlich wie nötig neue soziale Konzepte und offene Diskursplattformenen für die Entwicklung zeitadäquater Strategien und Technologien sind. Die Kunst der Gegenwart ist eine kollaborative Praxis, verortet zwischen Wissenschaft, Technologie, politischen Prozessen und sozialen Strategien, aufgespannt in einem partizipativen Netzwerk von Menschen unterschiedlichster Hintergründe.

 

Das Labor, als eine Plattform für diese kollaborativen Praxen, ermöglichen letztlich Zugang zum kreativen Denken, der Interpretation von Gegebenheiten und Kontexten sowie den Arbeitsmitteln abseits linearer Denkprozesse und Konventionen.

Labor-detailinfo / subscribtion via: lab01[at]fieldtestcorp.com

 

 

 

 

 

Februar 2000, Cuernavaca, Mexiko.

Bei der Jahrestagung des >International Geosphere-Biosphere Programme< platzte dem stellvertretenden Vorsitzenden der Kragen. Der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen, 1995 für seine Arbeiten zum Ozonloch mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, hatte sich den ganzen Tag die Vorträge der Kollegen über die tiefgreifenden aktuellen Veränderungen der Erde angehört. Korrekt sprechen sie dabei von der Gegenwart als dem Holozän. Irgendwann unterbrach Crutzen sie: »Stop using the word Holocene. We’re not in the Holocene

anymore. We’re in the … the … the Anthropocene!« (Davies 2016: 42)

 

Deutschland 2015

„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein neuer Tipping Point erreicht. Der Mensch schreibt sich durch die Freisetzung fossiler Energien als Naturkraft in die Erdgeschichte ein. Er hat begonnen das Klima zu verändern. Nun ist der Klimawandel selbst nicht moralisch zu bewerten, er ist nicht per se gut oder schlecht. Ganz offensichtlich werden aber durch ihn und andere anthropogen induzierte Entwicklungen lokale wie globale Ordnungsgefüge destabilisiert. Der Tipping Point stellt uns vor die Herausforderung, neue Maßstäbe für die Beurteilung eines Handelns zu finden, das sich in Form einer geohistorisch wirksamen Dominanz in den letzten 300 Jahren herausgebildet hat. Es kann nicht mehr darum gehen, im Sinne eines naiven Begriffs von Wissensgesellschaft weiteres Wissen zu akkumulieren. Zur Neubewertung unserer Situation bedarf es einer sinnlichästhetischen Praxis, die unsere Urteilskraft hinsichtlich der epochalen Umwälzungen des Anthropozäns schärft.“
(Bernd Scherer)

 

Frankreich, 2017

Alles spricht dafür, dass ein gewichtiger Teil der führenden Klassen (heute recht vage als >Eliten< bezeichnet) zu dem Schluss gelangte, dass für ihn und für den Rest der Menschen nicht mehr genügend Platz vorhanden sei. Folgerichtig entschied man, dass es nutzlos sei, vorzugeben, die Geschichte strebe weiter auf einen gemeinsamen Horizont zu, auf eine Situation, in der „alle Menschen“ in gleichem Maße zu Wohlstand kommen würden. Seit den achziger Jahren geht es den führenden Klassen nicht länger darum, die Welt zu führen, vielmehr suchen sie außerhalb dieser Welt Schutz. Die Folgen dieser Flucht, die in Donald Trump nur eines unter vielen Symbolen hat, haben wir zu tragen – wir, die wir angesichts eines fehlenden minteinander zu teilenden gemeinsamen Welt nahezu den Verstand verlieren.

(Das terrestrische Manifest; Bruno Latour : 2017)

 

 

USA 2018

Nur als „Symbionten“ haben wir eine Zukunft

(Donna Haraway; 2018)

Der Anlass ist ernst: Wir sind dabei, den Planeten durch Raubbau, Überproduktion und Überbevölkerung nachhaltig zu zerstören. In dieser Situation sei weder Technikoptimismus noch zynische Endzeitstimmung die angemessene Haltung, meint Haraway – stattdessen müssten wir „unruhig bleiben“ und aus der alten, männlichen Erzählung, in dem der einzelne Held raumgreifend die Feinde besiegt, aussteigen. Wir werden nicht als Individuen überleben, sondern nur im „Mit-Werden“ mit anderen Arten, in der „Sympoiesis“ und als Symbionten, schreibt Haraway. „Make kin, not babies“ ("Macht euch verwandt, nicht Babys") ist daher der oft wiederholte Slogan ihrer ökologischen Ethik, die auch darauf abzielt, dass die bislang Verdrängten, etwa indigene Bevölkerungen oder aussterbende Tierarten, einen Teil der Erde zurückgewinnen.

 

 

>> Das Anthropozän kann nur nach unserem Verschwinden einer anderen Epoche Platz machen.

So bleibt das Anthropozän unsere Gegenwart mit einer Zukunft, die die ständige geophysikalische Drohung unseres Verschwindens beinhaltet.

Für die aktuelle Krise wurden von Wissenschaftlern des Stockholm Resilience Center 2009 in neun geophysische Prozesse des Erdsystems identifiziert, bei deren Überschreitung von Grenzen sich unerträgliche Umweltveränderungen einstellen werden.

Es sind dies: Klimawandel, Übersäuerung der Ozeane, Ozonverminderung in der Stratosphäre,

Überkonsumierung der Süßwasservorräte, Verlust der Biodiversität, die Einmischung der Menschen in die globalen Zyklen von Stickstoff und Phosphor, Veränderung in der Bodennutzung, chemische Belastung,

von den Aerosolen verursachte atmosphärische Verunreinigung.

Sobald in einer dieser Prozesse eine bestimmte Grenze überschritten ist, haben alle dasselbe Risiko. Die Elastizität (Resilience) ist nicht unbegrenzt, die Natur ist nicht unverwüstlich oder unendlich robust (resilient).

Viveros de Castro und Danowsky und bekannte Autoren wie Latour und Dipesh Chakrabarty referieren die Vorstellungen vom Wiedereindringen Gaias in die menschliche Welt, in dem Moment wo der Mensch vom biologischen Agenten zum geologischen Faktor aufgestiegen war. Damit wird das System Erde nach der vermeintlichen Überwindung der unmittelbaren Abhängigkeit des Menschen von ihm wieder zum historischen Subjekt und Handlungsträger in einem viel umfassenderen Stil, als je vermutet. Denn unsere politische Ohnmacht, mit dieser Einmischung Gaias umzugehen, ist größer als das urzeitliche Erschrecken vor meteorologischen Phänomenen, und das trotz wissenschaftlicher Einsicht in viele Prozesse der Erde. Zwar haben wir uns nach Darwin schon an objektive Endlichkeit unserer Spezies gewöhnt, dennoch nicht gelernt das Ende als ein Nahes zu denken.

 

Welt ohne uns

Wir können von einer Welt ohne uns, das heißt einer Welt ohne die Spezies Mensch, ausgehen, oder von einem „Wir ohne Welt“, einer weltlosen Menschheit nach dem Untergang der Welt. Alle möglichen Varianten werden in der Literatur und im Film des öfteren durchgespielt.

Die Autoren kennen auch die Version einer Welt vor uns, einer Spiegelung des Ende in einen Anfang, einen Garten Eden oder einer Wildnis, die dem denaturierenden Zugriff der Menschheit entzogen ist.

Den zunehmenden Verlust von Welt in einem sich abschließenden Subjekt thematisieren die sogenannten spekulativen Realisten wie Quentin Meillassoux und Ray Brassier, die die wechselseitige Bedingtheit von Denken und Sein behaupten. Das ist die Idee, der zufolge wir nur einen Zugang zur Korrelation von Denken und Sein haben, und in keinem Fall zu einem der beiden Termini in isolierter Form, so Meillassoux. Dazu bedienen sie sich des Gedankenexperiment der Welt ohne uns, um den Vorrang der Welt vor dem Denken dieser Welt durch uns zu demonstrieren. Aber das Denken und das Sein sind so ineinander verschränkt, das die Materie jenseits der Korrelation träge und tot sein müsse. Damit wird der Anthropozentrismus durch die Hintertür wieder eingeführt.

(Karl Bruckschwaiger)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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FR./FRI.  26-09


ANTHROPOZÄN - Das letzte Zeitalter / ANTHROPOCENE - The last Age?

Das Anthropozän bezeichnet nicht nur den drastischen Bruch mit den Lebensbedingungen der letzten 12.000 Jahre,
oder die dramatische Klimaveränderung, sondern markiert auch eine fundamentale Veränderung im Denken und der Anschauung der Welt.

 

 

 

SA./SAT.  26-09

KAPITALOZÄN  Die Ideologie des Kapitalismus als systemischer Motor der explosionsartigen Veränderung des Ungleichgewichts.
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KAPITALOCENE  The ideology of capitalism as a systemic engine of the explosive development of imbalance

A discourse on practical strategies 

 

 

Societal enzymes | events as cultural catalyzers
Dipl.-Ing Kristoffer Stefan
Austrian artist & experimental architect, resident at Cité internationale des Arts

The current situation enforces society to create new forms of organization that directly emerge from people's necessities, competencies and, most importantly, from their own contemporary understanding. These developments occur on many layers and across different sectors. Upcoming initiatives are not in need of guidance along established pathways but can be given space so they can reveal their potential for new methods to evolve, circulate and become immanent to future infrastructures.

In that respect, social events are entangling a multiplicity of backgrounds, views and approaches by executing specific sequences of change. They can be seen as cultural catalyzers and active entities, not only providing the conditions for change but playing a significant role within this blurred picture of transformation.

Therefore, 'enzymatic' perspectives are being applied to the conceptual orientation of this year's Semaine des cultures étrangères itself, not only to exemplify this point of view but to foster the effectiveness of the Festival.

Cité internationale des Arts Paris

 

Das Anthropozän -

Karl Bruckschwaiger

 

Bruno Latour – das terrestrische Manifest

 

In diesem Buch sollen die Klimafrage und deren Leugnung als zentrale politische Position etabliert werden. Ohne zu verstehen, das wir in ein neues Klimaregime eingetreten sind, kann weder die Explosion der Ungleichheiten, die Deregulierungen, noch die Kritik an der Globalisierung oder Rückkehr zu den Schutzmaßnahmen des Nationalstaates verstanden werden.

Die großen Migrationen führen zu einem Ende der Globalisierung, weil die jeweiligen Modernisierungspläne nur mehr für mehrere Planeten verwirklicht werden könnten. Der Boden der Globalisierung beginnt sich zu entziehen, die Vorstellung des Bodens selbst verändert sich grundlegend. Den Migranten wurde der Boden bereits durch Kriege und Klimaveränderungen entzogen, aber auch die alteingesessenen Bewohner verlieren den Kontakt zu Ihrem Boden.

Es ist eine postkoloniale Pointe, das diejenigen von Angst und Panik befallen werden, und ihr Territorium und Lebensweise verteidigen müssen, angesichts der Ankunft derer, die die Beraubung von Grund und Boden ohnmächtig vor einigen Generationen erleben mussten.

Ein allgemeines Empfinden liegt der Panik zugrunde, das es einen allgemeinen Mangel an teilbaren Platz und bewohnbarer Erde gibt oder geben wird.

Wenn es keinen gemeinsamen Raum in der Welt gibt, muss der eigene Boden durch Mauern und undurchlässige Grenzzäune geschützt werden.

Latour unterscheidet zwischen Plus-Globalisierung und Minus-Globalisierung. Die Vertreter der Minus-Globalisierung sind auch Vertreter des Lokalen, für die die Zugehörigkeit zu einem Land, Boden, einer Gemeinschaft, einer Lebensweise und ein bestimmtes Können wichtig ist. Dieses Plus-Lokale möchte die Verbindung zwischen dem Herstellen und dem Konsumieren ohne Umweg über den Weltmarkt aufrecht erhalten.

Die Erde schlägt zurück, oder wie Latour es formuliert, die Erde wird als Akteur zunehmend sichtbar, indem, was man die Folgen des Klimawandels nennen könnte.

Political Fiction Hypothese

Seit Anfang der Achtziger Jahre haben die Eliten diese Warnung verstanden und begonnen, die anderen dafür zahlen zu lassen, indem sie die Last der Solidarität in einer Welle der Deregulierung und des Sozialabbaus abwarfen und seit den Nuller Jahren mit einer Klimaleugnung fortfuhren.

Das ging mit einer Entwertung vieler wissenschaftlicher Erkenntnisse und einer ständigen Leugnung der offensichtlichsten Wahrheiten über das Klima einher. Wenn die Modernisierung vorbei ist, bleiben für die einfachen Leute nur der Nebel der alternativen Fakten. Wenn die Fakten nicht an eine gemeinsame Welt oder Öffentlichkeit gebunden sind, können die Medien den Glauben an die alternativen Fakten beklagen, hilft es den Leuten nicht, die faktisch in den alternativen Welten (Prekariat, Flüchtlingslager usw.) leben.

Die Vektoren Latours

Auf dem Weg der Modernisierung gab es im politischen Feld den allgemeinen Vektor der vom Lokalen zum Globalen verlief. Was auf diesem Weg aufgegeben werden musste, war das Lokale, die Heimatregion, die althergebrachten Traditionen und die Gewohnheiten, um endlich in der Moderne anzukommen. Im Bereich der Ökonomie war die politische Rechte für die Freiheit der globalen Märkte, die politische Linke eine Art Aufhalter der allzu freien Märkte. Im Bereich der Sitten und Traditionen gab es eine gerade umgekehrte Zuordnung von Rechts und Links. Mit dem Auftauchen der Minus-Globalisierung, also die negativen Folgen der globalen Märkte und Verschiebungen von Produktion und Menschen im globalen Maßstab, wurde das Lokale wieder attraktiv. Es mutierte aber zu einem Minus-Lokalen, wo der Schutz, die Identität und Sicherheit innerhalb nationaler Grenzen zum Wichtigsten wurde.

Jetzt ist ein dritter Attraktor aufgetaucht, der der Richtung des ersten Vektors diametral entgegengesetzt ist, das Terrestrische.

Um diesen Attraktor sichtbarer zu machen, ihm die Bedeutung zu geben, die er von der politischen Aufmerksamkeit verdient hätte, tauchte auf der Gegenseite die Negierung des Klimawandels auf, als Außererdiger Attraktor. Die Regierung Trump ist erste, auf die Ökologie fokussierte, Regierung, wenn auch im Modus der Zurückweisung.

Das Terrestrische ist ein neuer politischer Akteur, der nicht mehr Hintergrund und Dekor des menschlichen Handelns ist, sondern ein Wirkfaktor, der unmittelbar auf das menschliche Handeln reagiert und etwas von uns verlangt, uns beherrscht.

Wir können das Territorium nicht mehr einfach besetzen, sondern der Raum wird zum Teil unserer Geschichte, aus der menschlichen Geschichte wird durch Wirkung des Terrestrischen die wirkliche Geogeschichte.

Trotzdem ist der dritte Attraktor schwer zu erkennen, denn er ist allen sowohl bekannt und zugleich vollkommen fremd. Denn mit der Erde lebten bisher nur einige Altvordere und Traditionalisten wirklich zusammen, die Modernen betrachteten die Erde nur als Kulisse des menschlichen Handelns.

Das Holozän wies noch alle Merkmale eines Rahmens für die Menschen auf, das Anthropozän nicht mehr, obwohl nach dem Menschen benannt ist. Hier betritt die Erde wieder die Bühne und macht den Schauspielern die Hauptrolle streitig. Die Menschen sind aber mit einer Rolle betraut, die zu groß ist für sie. Manche wollen die Erde retten, aber will die Erde die Menschen retten?

Der ökologischen Bewegung ist es in letzten Jahrzehnten gelungen, viele Themen und Objekte zum politischen Streitthema zu machen, die vorher nicht zu den Gegenständen der Politik gehörten. Kein Entwicklungsprojekt bleibt ohne Protest und kein Vorschlag ohne Einspruch. Latour sieht die grünen Parteien noch zu sehr aufgerieben im Recht-links-Schema, und damit vorläufig als gescheitert an.

Welche Allianzen würden sich ergeben, wenn das Lokale und das Globale sich zum Terrestrischen hin neu orientieren müssen. Ein Zufluss an politischer Energie aus dem Bereich des Lokalen wäre denkbar, weil die Zugehörigkeit zu einem Boden, die Sorge um ein Stück Erde und die Bindungen an dieses würden dem Terrestrischen durchaus entsprechen.

Es gibt aber auch Differenzen, denn das Terrestrische hängt zwar an der Erde, ist aber auch welthaft in dem Sinne, dass es sich mit keiner Grenze deckt und über alle Identitäten hinausweist.

Das Terrestrische braucht Akteure und Wissenschaftler.

Die Akteure haben keine Distanz zur Erde als Umwelt. „Wir verteidigen nicht die Natur, wir sind die Natur, die sich verteidigt.“

Die Wissenschaftler haben uns all das Wissen um das neue Klimaregime verschafft, aber auch sie brauchen eine neue Ausrichtung, eine neue libido sciendi. Denn sie sind vom Blick auf die Erde vom Universum aus fasziniert, sie betrachten die Erde als galileisches Objekt. Diese moderne Pflicht, die Erde aus den fernsten Fernen zu erreichen, steht im Widerspruch zu der alltäglichen Praxis der Wissenschaft in ihren Laboratorien, mit ihren Instrumenten, in ihren Feldforschungen, wo sie fest auf irdischen Boden stehen.

Die Erde als System zu betrachten, wo die Lebewesen an den chemischen und geologischen Prozessen teilnehmen, war die Absicht von James Lovelock und seinem Gaia-konzept. Hier wird die Erde nicht mehr nur als Produktionsfaktor betrachtet, wo das Lebensrecht und die Ansprüche der meisten Lebewesen wegfallen.

Eine Art von Ausweg sieht Latour darin, in einer neuen Bestandsaufnahme der Natur einzutreten und er versteht darin das neue Interesse an der Lektüre von Humboldt, der sich den Rätseln der Zahl und Natur der wirkenden Wesen stellte.

 

Jürgen Renn / Bernd Scherer – Das Anthropozän

 

Deborah Danowski / Eduardo Viveiros de Castro – In welcher Welt leben?

 

Der Untertitel des Buches lautet: Ein Versuch über die Angst vor dem Ende,

der portugiesische Titel lautet: Ensaio sobre os medos e os fins,

was ich übersetzen würde mit: Versuch über Ängste und Enden

tatsächlich resümiert das Buch verschiedene Vorstellungen über das Ende der Welt, die angesichts der planetaren Klimakrise eine ganz andere, beklemmende Plausibilität bekommen haben.

Es geht also um die Angst, das der Mensch seiner eigenen Zukunft ein Ende bereitet. Die Ankunft dieser Zukunft, der Paul Crutzen und Eugene Stoermer den Namen Anthropozän gegeben haben, leitet eine neue geologische Epoche ein, die das Holozän seit der Industriellen Revolution ablöst und seit dem Zeiten Weltkrieg immer intensiver Gestalt annimmt.

Diese neue Epoche ist zugleich das Ende der Epochalität, was unsere Spezies betrifft, denn das Anthropozän kann nur nach unseren Verschwinden einer anderen Epoche Platz machen. So bleibt das Anthropozän unsere Gegenwart mit einer Zukunft, die die ständige geophysikalische Drohung unseres Verschwindens beinhaltet.

Für die aktuelle Krise wurden von Wissenschaftlern des Stockholm Resilience Center 2009 in neun geophysische Prozesse des Erdsystems identifiziert, bei deren Überschreitung von Grenzen sich unerträgliche Umweltveränderungen einstellen werden.

Es sind dies: Klimawandel, Übersäuerung der Ozeane, Ozonverminderung in der Stratosphäre, Konsum der Süßwasservorräte, Verlust der Biodiversität, die Einmischung der Menschen in die globalen Zyklen von Stickstoff und Phosphor, Veränderung in der Bodennutzung, chemische Belastung, von den Aerosolen verursachte atmosphärische Verunreinigung.

Sobald in einer dieser Prozesse eine bestimmte Grenze überschritten ist, haben alle dasselbe Risiko. Die Elastizität (Resilience) ist nicht unbegrenzt, die Natur ist nicht unverwüstlich oder unendlich robust (resilient).

Viveros de Castro und Danowsky referieren am Anfang bekannte Autoren wie Latour und Dipesh Chakrabarty und deren Vorstellungen vom Wiedereindringen Gaias in die menschliche Welt, in dem Moment wo der Mensch vom biologischen Agenten zum geologischen Faktor aufgestiegen war. Damit wird das System Erde nach der vermeintlichen Überwindung der unmittelbaren Abhängigkeit des Menschen von ihm wieder zum historischen Subjekt und Handlungsträger in einem viel umfassenderen Stil, als je vermutet. Denn unsere politische Ohnmacht, mit dieser Einmischung Gaias umzugehen, ist größer als das urzeitliche Erschrecken vor meteorologischen Phänomenen, und das trotz wissenschaftlicher Einsicht in viele Prozesse der Erde. Zwar haben wir uns nach Darwin schon an objektive Endlichkeit unserer Spezies gewöhnt, dennoch nicht gelernt das Ende als ein Nahes zu denken.

 

Welt ohne uns

Wir können von einer Welt ohne uns, das heißt einer Welt ohne die Spezies Mensch, ausgehen, oder von einem „Wir ohne Welt“, einer weltlosen Menschheit nach dem Untergang der Welt. Alle möglichen Varianten werden in der Literatur und im Film des öfteren durchgespielt.

Die Autoren kennen auch die Version einer Welt vor uns, einer Spiegelung des Ende in einen Anfang, einen Garten Eden oder einer Wildnis, die dem denaturierenden Zugriff der Menschheit entzogen ist.

Den zunehmenden Verlust von Welt in einem sich abschließenden Subjekt thematisieren die sogenannten spekulativen Realisten wie Quentin Meillassoux und Ray Brassier, die die wechselseitige Bedingtheit von Denken und Sein behaupten. Das ist die Idee, der zufolge wir nur einen Zugang zur Korrelation von Denken und Sein haben, und in keinem Fall zu einem der beiden Termini in isolierter Form, so Meillassoux. Dazu bedienen sie sich des Gedankenexperiment der Welt ohne uns, um den Vorrang der Welt vor dem Denken dieser Welt durch uns zu demonstrieren. Aber das Denken und das Sein sind so ineinander verschränkt, das die Materie jenseits der Korrelation träge und tot sein müsse. Damit wird der Anthropozentrismus durch die Hintertür wieder eingeführt.

Zu den Filmen und Buchbeispielen kann ich nur sagen, das ich keinen davon gesehen oder gelesen habe, weder Melancholia von Lars van Trier, noch Abel Ferraras 4:44 Last Day on Earth oder Bela Tarrs Turiner Pferd.

Einer Spielart nach dem Schema „Menschen ohne Welt“ wird mit den Singularisten und Akzelerationisten nachgegangen, für die das Anthropozän in ein neues posthumanes Zeitalter führt, das nur durch einen extremen technologischen Sprung erreicht werden kann. Dabei wird die Verbindung des Menschen mit einer ersten Natur komplett gekappt, und nur mehr von transgenetischen Gemüsekulturen, Hydrofracking, große hydroelektrische Projekten, Geoengineering und ähnliches gesprochen.

In ihrer Begeisterung für die Selbstabschaffung des Menschen nehmen sie an, das im Anthropozän selbst den Menschen obsolet gemacht oder transformiert oder komplett ersetzt werden wird.

Vom posthumanen zum posthumen Zeitalter der Maschinen.

Das die Umweltschützer und Ökologen für die Akzelerationisten nur die Entfesselung der Produktivkräfte aufhalten, zeigt wie verkommen dieser Zweig einer angeblich marxistischen Geschichtsphilosophie ist. Einer wie Alain Badiou träumt diesen Traum einer von De-Humanoiden denaturalisierten Natur mit, und beschuldigt Peter Sloterdijk die Ökologie als Opium für das Volk darzubieten.

 

Eine Welt aus Menschen

 

Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich Viveiros mit den Vorstellungen der indigenen Völker Amerikas, die die Beziehung zwischen Menschheit, Welt und Geschichte anders und man möchte fast sagen ungleich ernster formulieren.

Es beginnt mit einem bestimmten Schöpfungsmythos, der bei den indigenen Völker weit verbreitet ist, der einen Anfang formuliert, wo das menschliche Sein vorrangig ist und sich in die Welt verwandelt, mit spannenden Konsequenzen für den weiteren Umgang mit der Welt.

Der Anfang der Zeiten wird von den Aikewara, einem Tupi-Stamm, in dem Satz formuliert: Es gab nichts auf der Welt, nur Menschen und Schildkröten.

Nach einer Reihe von Wechselfällen verwandeln sich Teile dieser ursprünglichen, erstgeborenen Menschheit auf spontane Weise oder infolge einer Aktion des Demiurgen in biologische Arten, in geographische Elemente, meteorologische Phänomene und Himmelskörper, die den aktuellen Kosmos ausmachen. Der Teil, der sich nicht verwandelt hat und im Wesentlichen gleich geblieben ist, ist die historische oder gegenwärtige Menschheit.

Das Intervall zwischen der Zeit des Ursprungs und dem Ende der Zeiten, das ethnographische Präsens oder die Gegenwart, ist eine Epoche in der die präkosmologischen Wesen ihr unaufhörliches Anders-werden, ihre anatomische Plastizität zugunsten von stabileren Zuständen einstellen. Am Ende der Zeit der Transformationen nehmen die anthropomorphen Instabilitäten der Anfänge die körperlichen Formen und Gewohnheiten der Tiere, Pflanzen, Flüsse und Berge an, zu denen sie inzwischen geworden waren.

Das anthropomorphe Multiversum gebiert die Welt, wobei die Menschen die Substanz sind und die Natur die Geschöpfe. In dieser Mythologie gibt eine kannibalistische Komponente, denn die Nahrung der Menschen besteht aus menschlichen Seienden, die in Tiere und Pflanzen verwandelt worden sind. Man begegnet den Tieren und anderen Lebensformen als Typen von Personen oder Völkern, als politische Entitäten.

Die indigene Praxis legt Nachdruck auf die regulierte Produktion der Verwandlungen, der Schamane ist hier ein kosmischer Diplomat, der die Gegenwart reproduziert und chaotische Vervielfältigungen verhindert. Die Gefahr besteht darin, das die ehemaligen Menschen eine menschliche Virtualität hinter der aktuellen tierischen, pflanzlichen oder kosmischen Erscheinung bewahren. Die Menschheit in ihnen als das Unbewusste des Tieres droht ständig durch die Löcher einzudringen, die sich im Gewebe der heutigen Welt öffnen (Träume, Krankheiten, Jagdunfälle) und führt dazu, dass die Menschen vom präkosmologischen Substrat aufgesogen werden.

Die theomorphe Maske des Tanz-Geistes ist ein Hinweis auf diese ursprüngliche Virtualität und die chaotische Kommunikation im anthropomorphen Multiversum.

Dieser Betrachtungsweise, das die Tiere zwar keine Menschen für uns, aber Menschen für sich sind, gibt Viveiros den Namen „amerindischen Perspektivismus“ oder Anthropomorphismus, den er einem europäischen Anthropozentrismus gegenüberstellt.

Der Anthropozentrismus behandelt den Menschen als tierische Spezies mit einem transfigurativen Zusatz.

Das Ende der Welt bei den Indios bedeutet nicht unbedingt das Ende der Menschen, obwohl die Zerstörung der Welt auch die Zerstörung der Menschheit einschließt, wird die neue Welt wieder aus den neu entstandenen Menschen erschaffen werden.

Die Menschheit ist konsubstantiell zur Welt.

Zwar sind in den Mythologien der amerikanischen Indios periodische Apokalypsen die Regel, aber die zunehmende und gewaltsame Zerstörung ihrer Lebensräume erzeugt einen Ton von entschieden pessimistischer Dringlichkeit.

Dazu sagt der Yanomami David Kopenawa:

Bald, nach dem Tod der letzten Yanomami-Schamanen, werden die bösen Geister sich des Kosmos bemächtigen, der Himmel wird herabstürzen und wir werden alle vernichtet.“

Kopenawa lässt die Möglichkeit zu, das auf lange Sicht eine andere Menschheit auftauchen wird, aber die aktuellen „weißen Esser der Erde“ werden mit den Indigenen verschwinden.

Viveiros diskutiert noch eine Weile die Unterscheidung von Erdverbundenen und Modernen bei Bruno Latour, und wie die Erdverbundenen als Enteignete und Besiegte gelernt haben zu überleben. Damit können die Erdverbundenen für den überlebenden Teil der Menschheit, die alle Enteignete und Besiegte sein werden, zum Modell werden.

Die Erdverbundenen sind wenige, aber ihre geringe Zahl wird dadurch ausgeglichen, das sie viel Welt haben, mit der sie in Verbindung stehen.

 

Ellis, Erle - Anthropocene: A Very Short Introduction

 

Als ein Professor für Geographie und „environmental systems“ in Maryland, Baltimore County konzentriert sich Erle bei seiner Definition von Anthropozän mehr auf die feststellbaren Veränderungen der Umwelt durch den Menschen, die die Geologie und Archäologie in ihren stratographischen Analysen feststellen können. Durch die Betrachtung der Erde als ein System werden natürlich auch Faktoren des Klimas, des Land- und Wasserverbrauchs, des Wechselkreisläufe von Stickstoff oder CO² stärker thematisiert.

           
         

 

Literatur

 

  1. Bruno Latour – Das terrestrische Manifest

  2. Eva Horn / Hannes Bergthaller - Antropozän. zur Einführung
  3. Jürgen Renn / Bernd Scherer – Das Anthropozän

  4. Deborah Danowski / Eduardo Viveiros de Castro – In welcher Welt leben?

  5. Bonneuil, Christophe - The Shock of the Anthropocene: The Earth, History and Us

  6. Lynn Margulis - Der symbiotische Planet
  7. Ellis, Erle - Anthropocene: A Very Short Introduction

  8. Thomas Piketty - Kapital und Ideologie