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TEST.TUBE Lab 03

   

LIVE - STREAM

Friday / Freitag  16-04-2021

 

 

 

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INTELLIGENCE

   

on-line:    20:00

 

on-line & live-STREAM

GO TO STREAMING - SITE

 

A public discourse on the notion of intelligence -
as re-enactment of a popular science talk-show.
   

 

 

Labor-detailinfo /

subscribtion via:

office[at]nomad-theatre.org

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 Intelligence © Thomas J. Jelinek

 

 

 

Zum Live-Stream  / go to live-stream:

 

https://www.wuk.at/programm/thomas-jelinek-intelligence/

 

 

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Crystal 3 © Christian Faubel

   

  INTELLIGENCE -

ein performativ-medialer Diskurs in sieben Kapiteln.

 

 

Intelligenz wird allgemein als Fähigkeit zum Erreichen komplexer Ziele, Lernen, Schlussfolgern und Interagieren mit der Umwelt bezeichnet.

Aber nach mehr als 100 Jahren IQ-Test Geschichte und den damit einhergehenden Versuchen nicht nur Intelligenz zu definieren sondern sie auch festzusetzen und messbar zu machen, bleibt immer noch unklar was Intelligenz wirklich bedeutet, was Intelligenz ausmacht und was alles zur Intelligenz zählt. Ist Intelligenz überhaupt messbar oder eindeutig feststellbar? Hat alles Lebendige und vielleicht auch Nicht-Lebendige Intelligenz und ist es nur eine Frage des Grades wieviel Intelligenz? Und welche Parameter zeugen von Intelligenz? Wie Blade Runner mit dem Voight-Kampff-Test schon zur Diskussion stellte, muss gefragt werden ob Intelligenz nur eine rein logisch-analytische Leistung sei oder nicht viel mehr emotionale, emphatische, soziale und affektive Aspekte ähnlich oder noch viel wichtigere Teile von Intelligenz ausmachen. Gerade im Angesicht neuer Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz wird das emotionale, soziale und letztlich kreative Vermögen des Menschen wieder verstärkt hervorgehoben, weil es so die Hoffnung, zumindest jetzt noch, den Menschen als der Maschine überlegen erscheinen lässt.


 

 

Wir laden herzlich zur interaktiven Diskussion -

- im Chat auf der Live-Stream Seite -

 

 

Mit dem dritten TEST.LAB werden wir, eine temporäre Kooperative aus Künstler*innen und Expert*innen,

der komplexen Gegenwart auf der Spur, künstlerische, performative, mediale und diskursive Miniaturen,

in sieben Kapiteln und einem Epilog zur Intelligenz erarbeiten.

Diese stellen wir mit Expert*innen und dem online Publikum im Labor und live im Rahmen des Streams, in spielerischen Performativen Miniaturen zur Diskussion in einem haptischen Diskurs zu unserer Gegenwart und prekären Situation.

 

> Im Labor sind alle Menschen gleich <   /  Thomas J. Jelinek

WUK- Magazin  12-04 / 2021 - zu Intelligence    >>>>> zum Artikel

 

 

 

 

 

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Faubel © Sven Rose

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Margarete Jahrmann © nomad

 

 

 

           
           

INTELLIGENCE   -  TEST-LAB 

 

 

künstlerische Leitung / Gesamtregie: Thomas J. Jelinek

 

live-medien-Regie: Michael Loizenbauer

 

 

mit:

Christian Faubel – Physiker, intelligent installations, Musiker / Prof.Technology Arts Sciences TH Köln

Christoph Hubatschke (Univ.Wien) – on-line Diskurs Moderation

Anna Hirschmann dramaturgische Konsulenz

Tina Muliar – Performerin / Medienkünstlerin

Kathia von Roth - travelling artist, activist and social engineer / Technology Arts Sciences TH Köln

Oliver Schürer - TU-Wien / Gründer Forschungsgruppe H.A.U.S.

Darja Stoeva - PhD – Doctoral Programme in Technical Sciences, TU Wien,

Body Language in Human–Robot Interaction.

Anna Vasof – Architektin und Mendienkünstlerin / architect and media artist

Eva Maria Kraft – Performerin/Tänzerin/ Reaserch im Bereich KI und Mitglied der Forschungsgruppe H.A.U.S.

 

Max Hoffmann - Overvoice

Peter Koger - live Projektioenen

Anna Mendelsohn - Overvoice

FEEDBACK*X – live performance

u.A.

 

 

Expert*innen :

Stefan Glasauer – Computational Neuroscience Prof. at btu Brandenburgische Techn.Univ. Cottbus Senftenberg

Margarete Jahrmann - Univ. Prof at die[a]ngewandte Wien / ZhdK Zürich

Brigitte Krenn - head of Unit, Language and Interaction Technologies Group, at OFAI - Austrian Research Institute for Artificial Intelligence.

Janina Loh Philosophin Univ.Wien (Feministische Technikphilosophie, Roboterethik) Uiv. Prof at Unniv. Wien

Michael Loizenbauer - Peter Weibel - Forschungsinstitut für digitale Kulturen

Oliver Schürer Univ. Prof. at TU-Wien / Gründer Forschungsgruppe H.A.U.S.

 

 

Installationen – Christian Faubel, Anna Vasof, Thomas J. Jelinek

 

Musik

FEEDBACK*X

Michael Fischer

Thomas A. Pichler

Marie Spaemann

Assemblee Lunaire

 

Projektionen - Video-Set

Peter Koger

 

Kamera

Günter Sadek-Sonnenberg

Michael Loizenbauer

Kurt van der Vloedt

 

Ton-Technik

Vinzenz Schwab

 

edit / Schnitt

Thomas J. Jelinek

Michael Loizenbauer

 

postproduction

KOLLER&KADER

 

künstlerische Produktion

Thomas J. Jelinek

 

Produktion / Management

Anna Ennemoser

 

 

Produktion - NOMAD

 

in Koproduktion mit: WUK – performing arts


 

 

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Christian Faubel, ist ein interdisziplinär agierender Wissenschaftler und Künstler,

der an der Schnittstelle von autonomen Systemen, Neurowissenschaften und Gestaltung arbeitet.

Er promovierte an der Ruhr-Universität Bochum am Institut für Neuroinformatik, vor seiner Berufung an die TH Köln war er künstlerisch wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kunsthochschule für Medien Köln.

Prof. Dr. Christian Faubel über sein Arbeits- und Forschungsfeld: „Die Professur »Smart Connected Products« eröffnet für mich ein interdisziplinäres Forschungsfeld, in dem ich besonders der Frage nachgehen möchte, wie sich das Smarte in autonomen und vernetzten Artefakten realisieren lässt und wie aus Prozessen der Vernetzung einfacher Einheiten, komplexes Verhalten entstehen kann.“

 

 

Michael Fischer, musician-composer-instant composition conductor,
works on the immanence of language within sounds, their sculptural and dramatic evidence, on the tenor saxophone, the violin, on cd-player setting and conducted instant compositions, in improvised and experimental music / noise / soundscapes.
Since 1999 connecting the electro-acoustic phenomenon feedback - developed the feedback_saxophone.
Collaborations in literature - focus experimental poetry -, dance, performance, installation, video.
Beneath his longstanding collaborations such as duo BAGG*FISH with ARG/NL drummer Marcos Baggiani, Michael Fischer launched the Vienna Improvisers Orchestra (2004), since then elaborating an individual hand-sign practice / instant composition conducting, similar Butch Morris' 'conductions'. - As instant composition conductor he works for international improvising orchestras, temporarily large ensembles and choirs.

https://m.fischer.wuk.at/about.htm

 

 

Stefan Glasauer, Neuro Scientist, is Full Professor and Chair of Computational Neuroscience at Brandenburg University of Technology in Cottbus-Senftenberg. He studied electrical engineering at TUM and was a PhD fellow at the MPI for Behavioural Physiology in Seewiesen. In 1992 he received his PhD (Dr.-Ing.) from TUM and in 2005 he habilitated in Experimental Neurology and Clinical Neurophysiology. Until 2018 he was Apl-Professor at the Department of Neurology at LMU Munich, and Deputy Executive Director of the German Centre for Vertigo and Ocolumotor Disorders, LMU- Ludwig-Maximilian University and Senior Scientist of the Center for Sensorimotor Research at the Department of Neurology.

His research interests are rooted in the cybernetic tradition and evolve around the attempt to understand the central-nervous principles behind perception and action that govern the control of sensorimotor processes. His methods reach from the theoretical frameworks of computational neuroscience and probabilistic systems theory to experimental approaches such as psychophysics, virtual reality, motion tracking, and brain imaging.

 

 

H.A.U.S. (Humanoids in Architecture and Urban Spaces), ist eine transdisziplinäre Forschungsgruppe von ExpertInnen aus Automatisierungstechnik, Architektur, Informatik, KI-Forschung, Mensch-Roboter-Interaktion, Performance, Philosophie Psychologie und Tanz, die in Wissenschaft und Kunst forscht. Ihre Entwicklungen, Erfindungen und Erkenntnisse werden nicht nur nach soziokulturellen oder technischen Zielen bewertet, sondern durch öffentliche Experimente und Performance-Kunst in die Kontexte verschiedenster Lebenswelten gebracht.

h-a-u-s.org

 

 

Christoph Hubatschke, Philosoph und Politikwissenschaftler an der Universität Wien, ist Mitbegründer der Forschungsgruppe H.A.U.S. und arbeitet an der Schnittstelle zwischen kritischer politischer Theorie, poststrukturalistischer Philosophie und Technikphilosophie. Darüber hinaus ist er in diverse künstlerisch-performative Projekte involviert.

 

 

   

  Das laufende TEST.Labor diskutiert den menschlichen     

  Intelligenzbegriff im 21en Jahrhundert

 

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Kathia v. Roth © nomad   .

 

 

  Das TEST.TUBE.Labor ist ein transdisziplinäres Labor, künstlerischer 

  Entwicklungsraum, Forum, und offene Diskurs-/Bühne, die seriell, als

  Projektzyklus realisiert wird und zum öffentlichen Diskurs stellt.

 

 

 

Die Gegenwart zeigt deutlich wie nötig neue soziale Konzepte und offene Diskursplattformenen für die Entwicklung zeitadäquater Strategien und Technologien sind. Die Kunst der Gegenwart ist eine kollaborative Praxis, verortet zwischen Wissenschaft, Technologie, politischen Prozessen und sozialen Strategien, aufgespannt in einem partizipativen Netzwerk von Menschen unterschiedlichster Hintergründe.

 

Das Labor, als eine Plattform für diese kollaborativen Praxen, ermöglichen letztlich Zugang zum kreativen Denken, der Interpretation von Gegebenheiten und Kontexten sowie den Arbeitsmitteln abseits linearer Denkprozesse und Konventionen.

Labor-detailinfo / subscribtion via: lab02[at]fieldtestcorp.com

 

 

 

 

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Book of falling Words © Anna Vasof

 

 

 


 

“Artificial intelligence doesn't date from yesterday. From the origin of science there have existed things or states of affairs that the history of our languages has associated with mental activities, as though these artificial objects-plumb-line, ntler or compass, framing square-passed for subjects of thought.” 

(GEOMETRY The Third Book of Foundations / Michel Serres)

 

 

 

"Vielleicht ist es uns leichter möglich, uns für eine Welt einzusetzen, in der künstliche Intelligenzen weder als Konkurrentinnen um die Spitze der Evolution gefürchtet, noch als technologische Reservearmee und neue kapitalistische Quelle der Ausbeutung verachtet werden. Vielleicht richten wir stattdessen den Blick einmal auf die Strukturen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und unseres Arbeitens. Aber wo kommen wir denn dahin? Das weiß ich auch nicht so genau. Aber wo wir jetzt sind, können wir nicht bleiben."

(Janina Loh / Trügerischer schöner Schein / Flater 22-12-2020)

 

 

 

TL03_Loh.jpgJanina Loh © nomad

 

 

Digital and analogue on a process level

 

[…] I argue in favour of distinguishing between the analogue and the digital on a process level. The process model of the digital is the Turing machine, a theoretical apparatus for manipulating symbols. The idea behind the Turing machine is that of a mechanical head that reads and writes, operating on an endless strip of paper. It is this operation of reading and writing that is important, because these two operations have to happen separately. The same symbol on the strip of paper cannot be written and read at the same time, nor is it possible for two separate reading and writing heads to operate concurrently on

the same symbol. The latter is a well-known problem for multi-processor systems, and a solution—different rule-based systems, such as the semaphore mechanism—has been developed [Dijkstra 2001].

On this process level, synchronisation turns out to be a necessity that has to be provided externally.

In analogue systems, however, synchronisation, instead of being a necessity, appears as an emergent effect.

Synchrony is a phenomenon that can be observed in many organisms, as well as in technological artefacts.

In accordance with Ashby’s notion of homomorphic models [Ashby 1974], I regard the swinging metronomes as models

of the phase relations that occur, for example, in finger tapping. In both finger tapping and metronomes two stable states of phase relations appear: anti-phase and in-phase.

 

[…] Synchrony also appears in intrapersonal settings: think of people clapping their hands in synchronicity. A very interesting study on the subject of intrapersonal synchronisation has been conducted by Lior Noy, who introduced a method from performance and theatre—the mirror game—to the lab in order to systematically investigate coordination, synchronisation,

and improvisation. The mirror game is usually played as a warm-up for improvisers and actors. In the game, usually played by two persons, one is trying to mirror the movements of the other; ideally, who is mirroring whom is not defined.

While synchronised metronomes no longer comprise a sufficient model for the kinds of complex interactions that occur in the mirror game, they may share the same underlying mechanisms. What makes Noy’s experiments so compelling is that they show how—through a method of creative exercise— it is possible to achieve a high degree of coordination while improvising. The study actually showed that, for trained performers, the smoothest motion trajectory occurred during improvisation.

In a further study Noy and colleagues showed that during periods of smooth motion in the mirror game, performers also showed and reported a stronger sense of togetherness. […]

(Reenactments in Kunst / Art /Gestaltung, Design / Wissenschaft, Science

und Technologie / and Technology // Christian Faubel // Salon Digital - Band, Vol. 1)

 

 

Zur Intelligenz

Christoph Hubatschke

 

[...] Es ist zu fragen, ob hier die Problematik nicht eine von Grund auf falsch gestellte ist, ob keine Antworten auf die Frage was Intelligenz eigentlich sei gefunden werden können, weil die Frage schlicht schon falsch – unintelligent – gestellt ist.

René Descartes hat mit seinem bekannten cogito ergo sum, also der Feststellung: „Ich denke also bin ich“, das Bild von Intelligenz nachhaltig beeinflusst. Dem Ausspruch zu Grunde liegt die Überlegung, was übrig bleiben würde, wenn alles, Sinneseindrücke und Wahrnehmungen, Erinnerungen und auch alle anderen Wesen bloße Einbildung oder Täuschung wären. Übrig bleibe die Fähigkeit zu zweifeln an der Welt und den eigenen Wahrnehmungen, doch genau dieser Zweifel sei dafür ein unkritisierbares Fundament. Ich zweifle also bin ich. Zentrales Element solch einer Intelligenzfundierung ist dabei bei Descartes und der darauffolgenden westlichen Denkgeschichte der Körper-Geist Dualismus, die Trennung von Materiellem und rein Geistigem.

In den Versuchen eine künstliche Intelligenz zu kreieren wird dieser Körper-Geist Dualismus nur allzu gerne reproduziert. Denn zeigen die zumeist missglückten Versuche eine Intelligenz ganz ohne ihre Verkörperung und ihre Situierung zu erzeugen nicht genau die Problematik des descartschen Dualismus auf? Gegentendenzen wie embodied cognition sind hierauf eine Antwort, keine Intelligenz ohne einen Körper, oder genauer Intelligenz kann nur durch und mit einem Körper entstehen. Es gilt daher immer die Situierung und materiellen Aspekte von AI mitzudenken, Kabel, Netzwerke, Programmierer*innen, Serverfarmen und Unmengen an Energie z.B.

Technologische Entwicklungen haben aber auch immer wieder dazu geführt sich neu zu fragen was Intelligenz ist, haben doch technologische Kreationen wie das Uhrwerk oder neuronale Netzwerke auch immer das jeweilige Bild des Gehirns und damit auch das Bild vom Denken mitbestimmt. Konfrontiert mit heutigen humanoiden Robotern und künstlichen Intelligenzen, die sich im Handy, dem Chatbot beim Mobilfunkanbieter, im Schachcomputer aber auch im Kühlschrank, der Waschmaschine und dem Lichtschalter befinden, lohnt es sich die Frage nach der Intelligenz, nicht nachdem was sie ist, sondern wo sie ist und zwischen wem sie entsteht zu reflektieren.

Intelligenz ist dabei immer in den Relationen zu finden, im Kollektiven im System zwischen Akteur*innen (immer schon zwischen menschlichen und nicht-menschlichen). Ein solches relationales Verständnis von Intelligenz, verweist auch auf die politische Brisanz vermeintlicher künstlicher Intelligenzen. Denn deren Analysen und Entscheidungen sind nicht nur nicht besser sondern vor allem genauso wenig neutral und objektiv wie sonstige Entscheidungen von Intelligenzen. Rassistische, sexistische, klassistische und sonstige Diskriminierungen künstlicher Intelligenzen können nicht einfach heraus-programmiert werden, denn sie finden sich schon in den zu verarbeitetenden Daten und Realitäten. Daher ist es wichtig zu fragen wie eine Künstliche Intelligenz denkt, will heißen mit welchen Daten und welchen Algorithmen, kurz wie sie situiert und verkörpert ist, mit was und wem sie denkt.

Im angeblichen Zeitalter von Fake News und Verschwörungstheorien erscheint die Frage der Intelligenz abermals besonders virulent zu werden. Doch gerade hier stellt sich die Frage ob Intelligenz heißt, etwas zu wissen, oder vielmehr noch, glauben etwas genauer, besser oder endgültig durchschaut zu haben und zu wissen. Hier wird nicht in wissenschaftlicher Art und Weise hinterfragt, diskutiert und gelernt. Hier zählt oftmals die erstbeste, einfachste oder auch einfach nur die lauteste Erklärung. Intelligenz, verstanden als Fähigkeit sich zu orientieren, auszuwählen und zu entscheiden, heißt nicht die endgültige Wahrheit zu finden, sondern um die eigenen Limitationen des Wissens zu wissen.

Kurz: Dummheit beginnt bei der (vermeintlichen) Gewissheit. Intelligenz heißt eben auch mit der Unwissenheit, dem Nicht-Wissen, ja dem Nicht-Wissen-Können, den Limitationen der eigenen Intelligenz, umgehen zu können. Intelligenz heißt die Leerstellen des Wissens zu akzeptieren und die Notwendigkeit zu erkennen, mit anderen (menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen) in Kontakt und Austausch zu treten um gemeinsam mehr zu wissen.

Eine mögliche, vorläufige These kann daher lauten: Es kann keine solipsistische Intelligenz geben, Intelligenz ist immer Prozess des Austausches, Ergebnis von Erfahrung und Verhandlung. Intelligenz in abgeschnittenen einzelnen Individuen zu suchen kann nicht funktionieren, denn Intelligenz ist immer eine Relation, entsteht nur im Kollektiven, ist keine Einzelleistung sondern ein kollektiver Prozess. Ich bin nicht weil ich denke, sondern im Denken und Zweifeln werden wir zum Wir. Ich bin immer schon viele. Intelligenz gibt es nur im dazwischen.

Wie und wo kann AI daher sich an diese kollektiven und vor allem verkörperten materiellen Prozesse von Intelligenz einbringen, oder bleibt AI, wie Jean Baudrillard schon vor 30 Jahren formulierte, bloß ein „Schauspiel des Denkens“ dem wir deswegen so gerne zuschauen um ja nicht selbst und gemeinsam denken zu müssen.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

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Christoph Hubatschke © nomad

Anna Hirschmann, geboren 1982 in Bielefeld (D), studierte Visuelle Kommunikation in Hamburg und in der Klasse Kunst und Film bei Thomas Heise in Wien. Sie ist Mit-Herausgeberin und Mit-Autorin des Buches »Wer geht leer aus? Plädoyer für eine andere Leerstandspolitik« (Wien 2015). Von 2014 bis 2017 arbeitete sie als Produktionsassistentin für den Kinodokumentarfilm »Das Fieber« (Regie Katharina Weingartner). 2016 hospitierte sie in der Produktion »Bauernkommentar« im Rahmen der Heiner-Müller Tage am HAU Berlin, und 2018 am Theater Bielefeld bei einer Stückentwicklung von Tobias Rausch. In der Spielzeit 18/19 war sie als Dramaturgieassistentin am Schauspielhaus Wien tätig und 19/20 als Dramaturgin und Produktionsleiterin. In der aktuellen Spielzeit arbeitet sie u.a. als freie Dramaturgin bei »Rand« und »Mehr Zeit für Probleme Folge 3: Enden« im Schauspielhaus Wien und als Autorin für „U.G.A.I. hört die Signale“ im Rahmen des Steirischen Herbst/Kulturjahr Graz 2020.

 

 

 

 

Margarete Jahrmann, is a media epistemologist and an internationally renowned artist on topics of activism, urbanity and play.

She is the designer of numerous game art works, research and play installations, performances as well as exhibition and urban games. She holds a professorship for Game Design since 2006 and was co-director of the New Media and Arts department at University of the Arts Zurich from 2000-2006. 2013-2016 she was lecturer Playful Ludic Interfaces, Institute Interface Cultures, University of Arts Linz and since 2011 is senior lecturer for Digital Arts at University of Applied Arts Vienna.

Currently she also is arts research fellow on Surveillance, Memnosyne and Pathos Formulas at the Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL) and presented her ongoing research on inner and outer data wave scans 2017 at Technopolitics exhibition at NGBK Neue Gesellschaft für Bildende Kunst and the mediafestival transmediale Berlin.

 

 

Eva-Maria Kraft ist zeitgenössische Tänzerin, Choreographin und Tanzpädagogin. Sie forscht und lehrt zu Themen wie Wahrnehmung, Präsenz, Transparenz, Immersion und Kommunikation und deren Umsetzung in Bewegung. Sie tanzt seit ihrem dritten Lebensjahr, studierte an der Konservatorium Wien Privatuniversität/MUK und arbeitet seit 2005 als freischaffende Tänzerin. Sie leitet das Studio RAUM für TANZ und eine Praxis für Ernährung und Cranio Sacrale Körperarbeit in Wien. Eva-Maria Kraft lehrt international im Laien-, Ausbildungs- und Profibereich die Fächer Zeitgenössisches Ballett, Zeitgenössischen Tanz, Improvisation, Chladek®-Technik und Ernährung für TänzerInnen. Ihre künstlerischen Projekte bewegen sich an der Schnittstelle verschiedener Kunstsparten und Wissenschaft, u.a. die Instant Composition Performance-Serie POETIC SPACE und als Teil der transdisziplinären Forschungsgruppe H.A.U.S. choreographiert und performt sie mit humanoiden Robotern.

www.evamaria-kraft.at

 

Brigitte Krenn, is head of Unit, Language and Interaction Technologies Group,

at OFAI - Austrian Research Institute for Artificial Intelligence.

In previous positions, she was scientific head of the Research Studio Smart Agent Technologies (now Smart Application Technologies) of the Research Studios Austria and member of Seibersdorf Research, now AIT Austrian Institute of Technology. Earlier on she worked as a faculty staff and researcher at the Computational Linguistics Department of Saarland University and at IAI (Institute of the Society for the Promotion of Applied Information Sciences at the Saarland University).

 

 

Peter Koger, Videokünstler, Visualist, Programmierer, Interaktions- und Animationsgestalter sowie universeller Medienhandwerker, hauptsächlich im Bereich Video und perfomative Kunst.

Seit 1999 Lektor an der Universität für Angewandte Kunst, Institiut für bildende und mediale Kunst.

Gründungsmitglied verschiedener Initiativen zur Förderung der Kunst von VisualistInnen.

Mitveranstalter und aktiver Beteiligter an der Equaleyes-Serie.

Mitbegründer, Ko-Intendanz und technische Leitung der Mediaopera in der Wiener Rinderhalle. 

 

 

Janina Loh, started their PostDoc position at the University of Vienna in April 2016. Previously they worked as a researcher at the chair of Practical Philosophy, led by Ludger Heidbrink, at the CAU Kiel (2013 - 2016).

In Vienna, Loh teaches in the fields of philosophy of technology and media and feminist philosophy of technology. They habilitate on the Critical-Posthumanist Elements in Hannah Arendt's Thinking and Work (working title). Loh's main research interests lie in the field of trans- and posthumanism (especially critical posthumanism), robot ethics, feminist philosophy of technology, responsibility research, Hannah Arendt, theories of judgement, and ethics in the sciences.

Publikationen u.A.:

Verantwortung als Begriff, Fähigkeit, Aufgabe. Eine Drei-Ebenen-Analyse (Springer 2014)

Handbuch Verantwortung (Springer 2017)

Introduction to Trans- and Posthumanism (Junius 2018)

Introduction to Robot Ethics (Suhrkamp 2019)

 

 

Michael Loizenbauer, ist Regisseur, analoger Musiker und digitaler Medienkünstler, lebt und arbeitet in Wien. Er studierte Informatik & Wirtschaft an der Universität Wien, Digitale Medien an der Universität für angewandte Kunst und Regie am Max-Reinhardt-Seminar. Seit 2018 arbeitet er als Doktorand am Peter Weibel Forschungsinstitut for Digitale Kulturen. Sein Forschungsschwerpunkt ist künstliche Intelligenz im Verhältnis zu Kunst und Kultur.

 

 

Thomas A. Pichler, Instrumente: Bass, Cellare, Gitarre, Synthesizer.

Spielte in zahlreichen Bands und Projekten

Aktuell:

Okabre (Bass, Synth) ist ein experimentelles Sextett, das live Soundtracks spielt (2019 "Tetsuo" von Shinya Tsukamoto, 2020 "Sayat nova" von Sergej Paradschanow)

Duo Cellare ist ein Duo aus Ambient/Tanz/Impro

Solo Cellare, ein Gitarre/Cello-Hybrid

H.A.U.S. Performances, Improvisation Elektronik und Cellare

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Thomas_Pichler_(Künstler)

https://okabre.com/

 

 

Kathia von Roth, born in Hamburg, Germany is a travelling artist, activist and social engineer.

Since her studies in theatre direction (graduated B.A. in 2013) she has been combining methods of theatrical play and performance with tools and theory of (analogue) game design and software design. In her work she is setting up physical and/or conceptional formats of temporary ‘utopian zones’ for collaborative creation, from immersive theatre spaces built like alternate reality games to transformative interaction structures in the context of festivals, conferences, collective art work or software interfaces.

By designing playful guiding principles she is bypassing the fear of failing and a subservient uncertainty to act, always forcing the ‘spectators’ to interact with each other within the save environment of a game/art format to grow trust. In this, she is creating realms of experience that cause awareness and a change of behaviour in its participants and can therefore take effect into so called ‘reality’.

In her work, Kathia von Roth is consulting a possible revolution, deeply believing in a post-competitive future.

 

 

Oliver Schürer, Senior Scientist, Dipl.-Ing. Dr.techn., ist Forscher, Kurator, Herausgeber und Autor sowie Senior Scientist und stellvertretender Leiter am Institut für Architekturtheorie und Technikphilosophie der TU Wien. Er hat zahlreiche inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekte durchgeführt. Er kuratiert und produziert Konferenzen, Symposien, Veranstaltungsreihen und Ausstellungen. Er referiert und publiziert international über Architektur, Technologie und Medien. Seit 2009 entwickelt er Techniktheorie anhand technoästhetischer Experimente. 2014 gründete er die transdisziplinäre Forschungsgruppe H.A.U.S. (Humanoids in Architecture and Urban Spaces) zur Forschung zu sozialer Robotik und sozialer künstlicher Intelligenz in Lebenswelten.

www.attp.tuwien.ac.at/oliver

 

 

Darja Stoeva erhielt 2018 den MSc-Abschluss in Computer Vision and Robotics (VIBOT). Derzeit ist sie Doktorandin an der Technischen Universität Wien im Rahmen des Doktoratskollegs TrustRobots, wo sie die Funktionalitäten von Interaktionsmustern in der Mensch-Roboter-Interaktion untersucht, die durch Körpersprache als Teil der nonverbalen Kommunikation ausgedrückt werden, wobei sie sich auf Körperbewegung, Körperhaltungen und Gesten konzentriert.

 

 

Anna Vasof is an architect and media artist.

Born in 1985, she studied architecture at the University of Thessaly (2010) in Greece and Transmedia Art (2014) at the University of Applied Arts in Vienna. Since 2004 her videos and short movies have been presented in several festivals, some of them winning distinctions. At 2020 she finished her Ph.D. thesis about a cinematographic technique that she developed with the title Non Stop Stop Motion. She is now working on designing and building innovative mechanisms for producing critical and narrative videos, actions and installations.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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neurons © Thomas J. Jelinek

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

TL03_Schürer_1.jpgOliver Schürer © nomad

 

 

 

 

PLAN A for »I/motions«

 

[…] Das bekannte und in vielen Artificial-Intelligence-Anwendungen benutzte

frei verfügbare künstliche neuronale Netzwerk - AlexNet - klassifiziert nach bestimmten Paradigmen, einer Art von Vorurteil folgend, das diesem Netz antrainiert wurde.

Kategorien oder Ereignisse, die während des Trainings nicht gelernt wurden, kann das Netzwerk nicht erkennen – ebenso werden falsche Zuordnungen nicht korrigiert sondern übernommen.

Dieser Umstand zeigt, wie sensibel und delikat der Gebrauch solcher Systeme ist, wenn wir Nutzer*innen im alltäglichen Leben diesen künstlichen neuronalen Netzwerken anthropomorphisierend Vernunft zuordnen.

Eine solche Vernunft ist in unserem humanoiden Verständnis dem Wort Intelligenz inhärent.

Aufgrund dieser Fehlzuweisung unsererseits, gestehen wir den künstlichen Intelligenz-Systemen Entscheidungsgewalt über demokratische Prozesse zu, verteilen Kompetenzbeurteilungen in

Rekrutierungsverfahren und Assessment-Vorgängen großer Firmen auf künstliche Assistenzsysteme und erlauben sogenannten AI-s die Bonitätsvalidierung in Kreditprüfungen von Bankinstituten.

All diese Anwendungsbereiche verdeutlichen die enorme Wirksamkeit der Maschinen auf Entscheidungen, die essentiell für das Leben von Einzelnen sind. […]

(Margarete Jahrmann / PLAN A for »I/motions« / Machines like us, Kat. donaufestival 2020)



 

 

 

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Kathia v. Roth © nomad  

 

 

 

 

 

 

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LAB_stage  feedback© nomad

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Christoph Hubatschke © nomad

 

 

 

 

Intelligenz und Daten

 

Die Definitionen zur Intelligenz sind vielfältig und kreisen meist um den Bereich der Lösungskompetenz in einer komplexen Umwelt. Im Feld der künstlichen Intelligenz wird zwischen schwacher und starker künstlicher Intelligenz unterschieden. Dabei ist die schwache künstliche Intelligenz pragmatisch lösungsorientiert und auf spezielle Problemfelder fokusiert. Die starke

künstliche Intelligenz ist ein theoretisches Konzept, dass einer zweiten Singularität bedarf, bei der sich maschinelle schwache Intelligenz in eine umfassende bzw. umfassendere mit Bewusstsein und Willen ausgestattete starke Intelligenz verwandelt. Ob, wann, wie, weiß kein Mensch - und bis dato vermutlich auch keine Maschine.

Während die Schreckensszenarien einer starken künstlichen Intelligenz Headlines schreiben, Science Fiction Bücher und Filme hervorbringen und die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, verbreitet sich die schwache künstliche Intelligenz viral. Die schwache künstliche Intelligenz durchsetzt unser

alltägliches Leben während die Diskussion um die starke künstliche Intelligenz, im Angesicht des Verlusts eines weiteren Alleinstellungsmerkmals, uns auf eine bevorstehende Erschütterung des

kollektiven menschlichen Egos vorbereitet. [...]

 

[...]

Die Datenwelt läßt erahnen, dass es sich beim Thema Daten um einen weltbauenden Bereich handelt. Daten können technisch nüchtern, wie zum Beispiel bei Vermessungen in der Astronomie oder der Drehzahl eines Motors, oder emotional belegt, wie zB. einem Schwangerschaftstest, sein.

Daten müssen transformiert und können korrumpiert werden. Sie sind privat-persönlich oder öffentlich. Zu Daten die auf den Menschen bezogen sind, gibt es sehr kontroverse Diskussionen. Zum Beispiel hinsichtlich des Themas privat und öffentlich. Und nicht zuletzt gibt es die Statistik, der man nicht trauen soll, so man sie nicht selbst gefälscht hat.

Mit Daten lassen sich in grossem Umfang Muster in Verhaltensweisen erkennen. Und das ist zunächst durchaus wörtlich zu verstehen.

So hat beispielsweise der Londoner Mediziner John Snow im Jahre 1854 Cholera-Krankheitsfälle im Wohnviertel Soho auf einer Karte eingetragen und konnte so grafisch den verseuchten Brunnen ausmachen. Snow hat sich damit als Begründer der Epidemiologie in die Geschichtsbücher eingeschrieben.

 

Ein 'gereifteres' Bild der Mustererkennung zeichnete sich 2016 bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen ab. Anhand von wenigen Merkmalen gelang es >Cambridge Analytica< in Zusammenarbeit mit Social Media Companies, Wähler*innen in drei Gruppen zu kategorisieren. Die Trump wählenden, die nicht Trump wählenden und die Unentschlossenen.

Die beiden ersten Gruppen waren uninteressant, die letzte Gruppe wurde auf ihren Social Media Accounts gezielt mit personalisierten Inhalten angesprochen, die sie Richtung Trump manipulieren sollten. Mit einer sehr kleinen Anzahl an Manipulierten im Verhältnis zur Gesamtwählerzahl gelang das Experiment.

 

Vier Jahre später sprechen viele immer noch von einer der saubersten Wahlen in der Geschichte der USA. Das demokratische Fundament ist zweifelsfrei ordentlich durchgerüttelt.

 

Technologien werden erdacht, entwickelt und verwendet.

Nicht zuletzt deswegen vergleichen einige Expert*innen und Theoretiker die „künstliche“ Intelligenz mit der Atombombe. Es zeichnet einen höchst widersprüchlichen Punkt der Auseinandersetzung, im Lernprozess der Demokratie und seiner Idee, im Zusammenhang der digitalisierten, algorithmusgesteuerten Kommunikation des 21. Jahrhunderts. 

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(Michael Loizenbauer  / Machines like us, Kat. donaufestival 2020)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"künstliche" Intelligenz ?

Oliver Schürer

 

Ein Rahmen für Bedingungen von Wissen sind spezifische mentale oder physische Vorrichtungen.

An der Struktur von Vorrichtungen werden Informationen für intelligente Strukturen wahrnehmbar. Michel Serres verweist an verschiedenen Stellen auf eine Eigenart dieser spezifischen Vorrichtungen. Indem sie ganz bestimmte Situationen wahrnehmbar machen, werden diese Situationen intelligibel, bieten also Möglichkeiten bloße Wahrnehmung zur mentalen Anschauung zu codieren [siehe auch damasio: ist das eine höhere kognitive funktion? eine abkürzung im vergleich zu den reiz-reaktions schemata]. Serres Beispiel ist die Sonnenuhr der Antike. Als Zeitmesser war sie unwichtig, aber als Beobachtungsinstrument stellt sie einen Ursprung der Wissenschaften dar – Beispiel für eine Vorrichtung die sowohl künstlich als auch intelligent, aber nicht wissend ist. Damit ist Intelligenz ein Element der Nichtnatürlichkeit; nicht der Entfremdung von Natur, vielmehr ein immer schon Alien sein. Eingeschoben in das wogende Nichtwissen [prozessieren von automatismen] der Materie- und Lebensprozesse, ist Intelligenz die Künstlichkeit einer List im selbsttätigen Lauf der Dinge. Im Wogen des Nichtwissens wird eine spezifische Transformation möglich; eine Abweichung vom lediglich So-Sein zum Werden. 

 

Intelligenz ist ein Phänomen von Ent-Automatisierung, ein Phänomen dessen was Wahrnehmbar ist am nicht-einsetzen von Reaktionen in irgendwelchen Reiz-Reaktion-Schemata, … 

ein Phänomen des Anderen.

 

 

 

 

 

 

 

Das Anthropozän -

Karl Bruckschwaiger

 

Bruno Latour – das terrestrische Manifest

 

In diesem Buch sollen die Klimafrage und deren Leugnung als zentrale politische Position etabliert werden. Ohne zu verstehen, das wir in ein neues Klimaregime eingetreten sind, kann weder die Explosion der Ungleichheiten, die Deregulierungen, noch die Kritik an der Globalisierung oder Rückkehr zu den Schutzmaßnahmen des Nationalstaates verstanden werden.

Die großen Migrationen führen zu einem Ende der Globalisierung, weil die jeweiligen Modernisierungspläne nur mehr für mehrere Planeten verwirklicht werden könnten. Der Boden der Globalisierung beginnt sich zu entziehen, die Vorstellung des Bodens selbst verändert sich grundlegend. Den Migranten wurde der Boden bereits durch Kriege und Klimaveränderungen entzogen, aber auch die alteingesessenen Bewohner verlieren den Kontakt zu Ihrem Boden.

Es ist eine postkoloniale Pointe, das diejenigen von Angst und Panik befallen werden, und ihr Territorium und Lebensweise verteidigen müssen, angesichts der Ankunft derer, die die Beraubung von Grund und Boden ohnmächtig vor einigen Generationen erleben mussten.

Ein allgemeines Empfinden liegt der Panik zugrunde, das es einen allgemeinen Mangel an teilbaren Platz und bewohnbarer Erde gibt oder geben wird.

Wenn es keinen gemeinsamen Raum in der Welt gibt, muss der eigene Boden durch Mauern und undurchlässige Grenzzäune geschützt werden.

Latour unterscheidet zwischen Plus-Globalisierung und Minus-Globalisierung. Die Vertreter der Minus-Globalisierung sind auch Vertreter des Lokalen, für die die Zugehörigkeit zu einem Land, Boden, einer Gemeinschaft, einer Lebensweise und ein bestimmtes Können wichtig ist. Dieses Plus-Lokale möchte die Verbindung zwischen dem Herstellen und dem Konsumieren ohne Umweg über den Weltmarkt aufrecht erhalten.

Die Erde schlägt zurück, oder wie Latour es formuliert, die Erde wird als Akteur zunehmend sichtbar, indem, was man die Folgen des Klimawandels nennen könnte.

Political Fiction Hypothese

Seit Anfang der Achtziger Jahre haben die Eliten diese Warnung verstanden und begonnen, die anderen dafür zahlen zu lassen, indem sie die Last der Solidarität in einer Welle der Deregulierung und des Sozialabbaus abwarfen und seit den Nuller Jahren mit einer Klimaleugnung fortfuhren.

Das ging mit einer Entwertung vieler wissenschaftlicher Erkenntnisse und einer ständigen Leugnung der offensichtlichsten Wahrheiten über das Klima einher. Wenn die Modernisierung vorbei ist, bleiben für die einfachen Leute nur der Nebel der alternativen Fakten. Wenn die Fakten nicht an eine gemeinsame Welt oder Öffentlichkeit gebunden sind, können die Medien den Glauben an die alternativen Fakten beklagen, hilft es den Leuten nicht, die faktisch in den alternativen Welten (Prekariat, Flüchtlingslager usw.) leben.

Die Vektoren Latours

Auf dem Weg der Modernisierung gab es im politischen Feld den allgemeinen Vektor der vom Lokalen zum Globalen verlief. Was auf diesem Weg aufgegeben werden musste, war das Lokale, die Heimatregion, die althergebrachten Traditionen und die Gewohnheiten, um endlich in der Moderne anzukommen. Im Bereich der Ökonomie war die politische Rechte für die Freiheit der globalen Märkte, die politische Linke eine Art Aufhalter der allzu freien Märkte. Im Bereich der Sitten und Traditionen gab es eine gerade umgekehrte Zuordnung von Rechts und Links. Mit dem Auftauchen der Minus-Globalisierung, also die negativen Folgen der globalen Märkte und Verschiebungen von Produktion und Menschen im globalen Maßstab, wurde das Lokale wieder attraktiv. Es mutierte aber zu einem Minus-Lokalen, wo der Schutz, die Identität und Sicherheit innerhalb nationaler Grenzen zum Wichtigsten wurde.

Jetzt ist ein dritter Attraktor aufgetaucht, der der Richtung des ersten Vektors diametral entgegengesetzt ist, das Terrestrische.

Um diesen Attraktor sichtbarer zu machen, ihm die Bedeutung zu geben, die er von der politischen Aufmerksamkeit verdient hätte, tauchte auf der Gegenseite die Negierung des Klimawandels auf, als Außererdiger Attraktor. Die Regierung Trump ist erste, auf die Ökologie fokussierte, Regierung, wenn auch im Modus der Zurückweisung.

Das Terrestrische ist ein neuer politischer Akteur, der nicht mehr Hintergrund und Dekor des menschlichen Handelns ist, sondern ein Wirkfaktor, der unmittelbar auf das menschliche Handeln reagiert und etwas von uns verlangt, uns beherrscht.

Wir können das Territorium nicht mehr einfach besetzen, sondern der Raum wird zum Teil unserer Geschichte, aus der menschlichen Geschichte wird durch Wirkung des Terrestrischen die wirkliche Geogeschichte.

Trotzdem ist der dritte Attraktor schwer zu erkennen, denn er ist allen sowohl bekannt und zugleich vollkommen fremd. Denn mit der Erde lebten bisher nur einige Altvordere und Traditionalisten wirklich zusammen, die Modernen betrachteten die Erde nur als Kulisse des menschlichen Handelns.

Das Holozän wies noch alle Merkmale eines Rahmens für die Menschen auf, das Anthropozän nicht mehr, obwohl nach dem Menschen benannt ist. Hier betritt die Erde wieder die Bühne und macht den Schauspielern die Hauptrolle streitig. Die Menschen sind aber mit einer Rolle betraut, die zu groß ist für sie. Manche wollen die Erde retten, aber will die Erde die Menschen retten?

Der ökologischen Bewegung ist es in letzten Jahrzehnten gelungen, viele Themen und Objekte zum politischen Streitthema zu machen, die vorher nicht zu den Gegenständen der Politik gehörten. Kein Entwicklungsprojekt bleibt ohne Protest und kein Vorschlag ohne Einspruch. Latour sieht die grünen Parteien noch zu sehr aufgerieben im Recht-links-Schema, und damit vorläufig als gescheitert an.

Welche Allianzen würden sich ergeben, wenn das Lokale und das Globale sich zum Terrestrischen hin neu orientieren müssen. Ein Zufluss an politischer Energie aus dem Bereich des Lokalen wäre denkbar, weil die Zugehörigkeit zu einem Boden, die Sorge um ein Stück Erde und die Bindungen an dieses würden dem Terrestrischen durchaus entsprechen.

Es gibt aber auch Differenzen, denn das Terrestrische hängt zwar an der Erde, ist aber auch welthaft in dem Sinne, dass es sich mit keiner Grenze deckt und über alle Identitäten hinausweist.

Das Terrestrische braucht Akteure und Wissenschaftler.

Die Akteure haben keine Distanz zur Erde als Umwelt. „Wir verteidigen nicht die Natur, wir sind die Natur, die sich verteidigt.“

Die Wissenschaftler haben uns all das Wissen um das neue Klimaregime verschafft, aber auch sie brauchen eine neue Ausrichtung, eine neue libido sciendi. Denn sie sind vom Blick auf die Erde vom Universum aus fasziniert, sie betrachten die Erde als galileisches Objekt. Diese moderne Pflicht, die Erde aus den fernsten Fernen zu erreichen, steht im Widerspruch zu der alltäglichen Praxis der Wissenschaft in ihren Laboratorien, mit ihren Instrumenten, in ihren Feldforschungen, wo sie fest auf irdischen Boden stehen.

Die Erde als System zu betrachten, wo die Lebewesen an den chemischen und geologischen Prozessen teilnehmen, war die Absicht von James Lovelock und seinem Gaia-konzept. Hier wird die Erde nicht mehr nur als Produktionsfaktor betrachtet, wo das Lebensrecht und die Ansprüche der meisten Lebewesen wegfallen.

Eine Art von Ausweg sieht Latour darin, in einer neuen Bestandsaufnahme der Natur einzutreten und er versteht darin das neue Interesse an der Lektüre von Humboldt, der sich den Rätseln der Zahl und Natur der wirkenden Wesen stellte.

 

Jürgen Renn / Bernd Scherer – Das Anthropozän

 

Deborah Danowski / Eduardo Viveiros de Castro – In welcher Welt leben?

 

Der Untertitel des Buches lautet: Ein Versuch über die Angst vor dem Ende,

der portugiesische Titel lautet: Ensaio sobre os medos e os fins,

was ich übersetzen würde mit: Versuch über Ängste und Enden

tatsächlich resümiert das Buch verschiedene Vorstellungen über das Ende der Welt, die angesichts der planetaren Klimakrise eine ganz andere, beklemmende Plausibilität bekommen haben.

Es geht also um die Angst, das der Mensch seiner eigenen Zukunft ein Ende bereitet. Die Ankunft dieser Zukunft, der Paul Crutzen und Eugene Stoermer den Namen Anthropozän gegeben haben, leitet eine neue geologische Epoche ein, die das Holozän seit der Industriellen Revolution ablöst und seit dem Zeiten Weltkrieg immer intensiver Gestalt annimmt.

Diese neue Epoche ist zugleich das Ende der Epochalität, was unsere Spezies betrifft, denn das Anthropozän kann nur nach unseren Verschwinden einer anderen Epoche Platz machen. So bleibt das Anthropozän unsere Gegenwart mit einer Zukunft, die die ständige geophysikalische Drohung unseres Verschwindens beinhaltet.

Für die aktuelle Krise wurden von Wissenschaftlern des Stockholm Resilience Center 2009 in neun geophysische Prozesse des Erdsystems identifiziert, bei deren Überschreitung von Grenzen sich unerträgliche Umweltveränderungen einstellen werden.

Es sind dies: Klimawandel, Übersäuerung der Ozeane, Ozonverminderung in der Stratosphäre, Konsum der Süßwasservorräte, Verlust der Biodiversität, die Einmischung der Menschen in die globalen Zyklen von Stickstoff und Phosphor, Veränderung in der Bodennutzung, chemische Belastung, von den Aerosolen verursachte atmosphärische Verunreinigung.

Sobald in einer dieser Prozesse eine bestimmte Grenze überschritten ist, haben alle dasselbe Risiko. Die Elastizität (Resilience) ist nicht unbegrenzt, die Natur ist nicht unverwüstlich oder unendlich robust (resilient).

Viveros de Castro und Danowsky referieren am Anfang bekannte Autoren wie Latour und Dipesh Chakrabarty und deren Vorstellungen vom Wiedereindringen Gaias in die menschliche Welt, in dem Moment wo der Mensch vom biologischen Agenten zum geologischen Faktor aufgestiegen war. Damit wird das System Erde nach der vermeintlichen Überwindung der unmittelbaren Abhängigkeit des Menschen von ihm wieder zum historischen Subjekt und Handlungsträger in einem viel umfassenderen Stil, als je vermutet. Denn unsere politische Ohnmacht, mit dieser Einmischung Gaias umzugehen, ist größer als das urzeitliche Erschrecken vor meteorologischen Phänomenen, und das trotz wissenschaftlicher Einsicht in viele Prozesse der Erde. Zwar haben wir uns nach Darwin schon an objektive Endlichkeit unserer Spezies gewöhnt, dennoch nicht gelernt das Ende als ein Nahes zu denken.

 

Welt ohne uns

Wir können von einer Welt ohne uns, das heißt einer Welt ohne die Spezies Mensch, ausgehen, oder von einem „Wir ohne Welt“, einer weltlosen Menschheit nach dem Untergang der Welt. Alle möglichen Varianten werden in der Literatur und im Film des öfteren durchgespielt.

Die Autoren kennen auch die Version einer Welt vor uns, einer Spiegelung des Ende in einen Anfang, einen Garten Eden oder einer Wildnis, die dem denaturierenden Zugriff der Menschheit entzogen ist.

Den zunehmenden Verlust von Welt in einem sich abschließenden Subjekt thematisieren die sogenannten spekulativen Realisten wie Quentin Meillassoux und Ray Brassier, die die wechselseitige Bedingtheit von Denken und Sein behaupten. Das ist die Idee, der zufolge wir nur einen Zugang zur Korrelation von Denken und Sein haben, und in keinem Fall zu einem der beiden Termini in isolierter Form, so Meillassoux. Dazu bedienen sie sich des Gedankenexperiment der Welt ohne uns, um den Vorrang der Welt vor dem Denken dieser Welt durch uns zu demonstrieren. Aber das Denken und das Sein sind so ineinander verschränkt, das die Materie jenseits der Korrelation träge und tot sein müsse. Damit wird der Anthropozentrismus durch die Hintertür wieder eingeführt.

Zu den Filmen und Buchbeispielen kann ich nur sagen, das ich keinen davon gesehen oder gelesen habe, weder Melancholia von Lars van Trier, noch Abel Ferraras 4:44 Last Day on Earth oder Bela Tarrs Turiner Pferd.

Einer Spielart nach dem Schema „Menschen ohne Welt“ wird mit den Singularisten und Akzelerationisten nachgegangen, für die das Anthropozän in ein neues posthumanes Zeitalter führt, das nur durch einen extremen technologischen Sprung erreicht werden kann. Dabei wird die Verbindung des Menschen mit einer ersten Natur komplett gekappt, und nur mehr von transgenetischen Gemüsekulturen, Hydrofracking, große hydroelektrische Projekten, Geoengineering und ähnliches gesprochen.

In ihrer Begeisterung für die Selbstabschaffung des Menschen nehmen sie an, das im Anthropozän selbst den Menschen obsolet gemacht oder transformiert oder komplett ersetzt werden wird.

Vom posthumanen zum posthumen Zeitalter der Maschinen.

Das die Umweltschützer und Ökologen für die Akzelerationisten nur die Entfesselung der Produktivkräfte aufhalten, zeigt wie verkommen dieser Zweig einer angeblich marxistischen Geschichtsphilosophie ist. Einer wie Alain Badiou träumt diesen Traum einer von De-Humanoiden denaturalisierten Natur mit, und beschuldigt Peter Sloterdijk die Ökologie als Opium für das Volk darzubieten.

 

Eine Welt aus Menschen

 

Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich Viveiros mit den Vorstellungen der indigenen Völker Amerikas, die die Beziehung zwischen Menschheit, Welt und Geschichte anders und man möchte fast sagen ungleich ernster formulieren.

Es beginnt mit einem bestimmten Schöpfungsmythos, der bei den indigenen Völker weit verbreitet ist, der einen Anfang formuliert, wo das menschliche Sein vorrangig ist und sich in die Welt verwandelt, mit spannenden Konsequenzen für den weiteren Umgang mit der Welt.

Der Anfang der Zeiten wird von den Aikewara, einem Tupi-Stamm, in dem Satz formuliert: Es gab nichts auf der Welt, nur Menschen und Schildkröten.

Nach einer Reihe von Wechselfällen verwandeln sich Teile dieser ursprünglichen, erstgeborenen Menschheit auf spontane Weise oder infolge einer Aktion des Demiurgen in biologische Arten, in geographische Elemente, meteorologische Phänomene und Himmelskörper, die den aktuellen Kosmos ausmachen. Der Teil, der sich nicht verwandelt hat und im Wesentlichen gleich geblieben ist, ist die historische oder gegenwärtige Menschheit.

Das Intervall zwischen der Zeit des Ursprungs und dem Ende der Zeiten, das ethnographische Präsens oder die Gegenwart, ist eine Epoche in der die präkosmologischen Wesen ihr unaufhörliches Anders-werden, ihre anatomische Plastizität zugunsten von stabileren Zuständen einstellen. Am Ende der Zeit der Transformationen nehmen die anthropomorphen Instabilitäten der Anfänge die körperlichen Formen und Gewohnheiten der Tiere, Pflanzen, Flüsse und Berge an, zu denen sie inzwischen geworden waren.

Das anthropomorphe Multiversum gebiert die Welt, wobei die Menschen die Substanz sind und die Natur die Geschöpfe. In dieser Mythologie gibt eine kannibalistische Komponente, denn die Nahrung der Menschen besteht aus menschlichen Seienden, die in Tiere und Pflanzen verwandelt worden sind. Man begegnet den Tieren und anderen Lebensformen als Typen von Personen oder Völkern, als politische Entitäten.

Die indigene Praxis legt Nachdruck auf die regulierte Produktion der Verwandlungen, der Schamane ist hier ein kosmischer Diplomat, der die Gegenwart reproduziert und chaotische Vervielfältigungen verhindert. Die Gefahr besteht darin, das die ehemaligen Menschen eine menschliche Virtualität hinter der aktuellen tierischen, pflanzlichen oder kosmischen Erscheinung bewahren. Die Menschheit in ihnen als das Unbewusste des Tieres droht ständig durch die Löcher einzudringen, die sich im Gewebe der heutigen Welt öffnen (Träume, Krankheiten, Jagdunfälle) und führt dazu, dass die Menschen vom präkosmologischen Substrat aufgesogen werden.

Die theomorphe Maske des Tanz-Geistes ist ein Hinweis auf diese ursprüngliche Virtualität und die chaotische Kommunikation im anthropomorphen Multiversum.

Dieser Betrachtungsweise, das die Tiere zwar keine Menschen für uns, aber Menschen für sich sind, gibt Viveiros den Namen „amerindischen Perspektivismus“ oder Anthropomorphismus, den er einem europäischen Anthropozentrismus gegenüberstellt.

Der Anthropozentrismus behandelt den Menschen als tierische Spezies mit einem transfigurativen Zusatz.

Das Ende der Welt bei den Indios bedeutet nicht unbedingt das Ende der Menschen, obwohl die Zerstörung der Welt auch die Zerstörung der Menschheit einschließt, wird die neue Welt wieder aus den neu entstandenen Menschen erschaffen werden.

Die Menschheit ist konsubstantiell zur Welt.

Zwar sind in den Mythologien der amerikanischen Indios periodische Apokalypsen die Regel, aber die zunehmende und gewaltsame Zerstörung ihrer Lebensräume erzeugt einen Ton von entschieden pessimistischer Dringlichkeit.

Dazu sagt der Yanomami David Kopenawa:

Bald, nach dem Tod der letzten Yanomami-Schamanen, werden die bösen Geister sich des Kosmos bemächtigen, der Himmel wird herabstürzen und wir werden alle vernichtet.“

Kopenawa lässt die Möglichkeit zu, das auf lange Sicht eine andere Menschheit auftauchen wird, aber die aktuellen „weißen Esser der Erde“ werden mit den Indigenen verschwinden.

Viveiros diskutiert noch eine Weile die Unterscheidung von Erdverbundenen und Modernen bei Bruno Latour, und wie die Erdverbundenen als Enteignete und Besiegte gelernt haben zu überleben. Damit können die Erdverbundenen für den überlebenden Teil der Menschheit, die alle Enteignete und Besiegte sein werden, zum Modell werden.

Die Erdverbundenen sind wenige, aber ihre geringe Zahl wird dadurch ausgeglichen, das sie viel Welt haben, mit der sie in Verbindung stehen.

 

Ellis, Erle - Anthropocene: A Very Short Introduction

 

Als ein Professor für Geographie und „environmental systems“ in Maryland, Baltimore County konzentriert sich Erle bei seiner Definition von Anthropozän mehr auf die feststellbaren Veränderungen der Umwelt durch den Menschen, die die Geologie und Archäologie in ihren stratographischen Analysen feststellen können. Durch die Betrachtung der Erde als ein System werden natürlich auch Faktoren des Klimas, des Land- und Wasserverbrauchs, des Wechselkreisläufe von Stickstoff oder CO² stärker thematisiert.